Die Tafelrunde

Nichts regte sich vor Paris über dem dichten Schneemantel, der in diesem harten Kriegswinter das sonnenfrohe französische Land bedeckte.

Der Park von Lesgranges dehnte sich in breitem Ausblick vor den Fenstern. Des Schlosses steiles Schieferdach sah dunkel aus all dem Weiß. Nichts Besonderes hatte das Gebäude: sie glichen einander ja alle, diese Landsitze reicher Pariser in der Bannmeile der eingeschlossenen Riesenstadt, mit ihrem Hauptbau, ihren Seitenflügeln, die den Ehrenhof umfaßten, von der Straße durch ein hohes schmiedeeisernes Gitter getrennt.

Täglich bei Einbruch der Dunkelheit wurden die Flügel des großen Tores geschlossen. Dann fanden sich die fremden neuen Bewohner des »Château« gesichert gleichsam wie in einem Gegenwerke der Belagerer. Freilich war es gerade nach der Stadt zu offen, denn da gab es manchen Kolonnenweg durch Schneemassen, Hecken und wirres Vorland zu den Vorposten hinaus.

Aus den Marmorkrippen des Stalles taten sich jetzt winterhaarstruppige Ostpreußen gut, im Waschhaus, wo einst feine Damenwäsche, zärtlich, wie es ihrer Kostbarkeit zukam, behandelt worden, bemühten sich derbe Soldatenfäuste, das Drillichzeug dienstlich einwandfrei zu gestalten. In der »Concierge-Wohnung« lag nun die Wache, und das große Gewächshaus der Gärtnerei diente zu Ziel- und Anschlagsübungen, denn die Sieger hielten straffen Dienst.

Über ein Wasserbecken hinweg, in dem ein paar Kalksteinnymphen einen Neptun umneckten, öffnete sich frei die Aussicht auf Paris. Jeder, der zur Meldung oder auf Besuch herüberkam, wurde von den Herren dorthin geführt und blieb mit staunendem »Donnerwetter« stehen. Ja, die Offiziere der Einquartierung, nun längst an den Blick gewöhnt, pflegten trotz der bitteren Kälte des strengen Feldzugswinters jeder, ehe er zur Nachtruhe sein Zimmer aufsuchte, die Saaltür zu öffnen, hinauszutreten und das überwältigende Bild noch einmal einzusaugen in Hirn und Augen: über der weiten Schneefläche des Parkdurchblickes, von hohen kahlen Bäumen eingefaßt, die in Erd- und Eisen- und Menschenfesseln geschlagene gewaltige hungernde Stadt und der dunkle sternenverhüllte Himmel, über den die Feuergarben krepierender Geschosse zogen.

Es waren acht Herren im Schloß einquartiert: der Regimentsstab, bestehend aus Oberst von Kranich, mit seinem Adjutanten Premierleutnant Heydrich, Oberstleutnant Runge sowie der Oberstabsarzt und der Regimentszahlmeister. Dazu die Offiziere der neunten Kompagnie, nämlich Premierleutnant von Bugk (der Hauptmann war gefallen) sowie die Sekondeleutnants Eschborn und von Krebs. Und diese Herren fanden sich allein, denn Lesgranges war von seinen Besitzern so fluchtartig verlassen worden, daß man nur das Silberzeug und die notwendigsten Kleidungsstücke mitgenommen, Wäsche, Bücher, Bronzen und dergleichen kleinen Zimmerschmuck dagegen hatte liegen lassen. Selbst Briefe und Heimlichkeiten der Schreibtische und Schränke waren, offenbar im Schreck vor dem nahenden Feinde, zurückgeblieben. Daß auch der mit edeln Marken wohlgefüllte Weinkeller nicht gerettet worden, schien den Herren kein Fehler.

Ihre Zahl pflegte mittags zu schwanken, denn von den Frontoffizieren war dieser oder jener auf Vorposten, den Zahlmeister hielten bisweilen Verpflegungsschwierigkeiten, den Oberstabsarzt aber seine Verwundeten und Kranken fern. Abends dagegen waren meist alle versammelt. Darüber wachte schon der Oberst mit einer gewissen Eifersucht. Als Rheinländer einem Glase Wein nicht abgeneigt, fand dabei ein gutes Wort eine gute Statt. So hob er denn die Tafelrunde nicht so bald auf, und wenn ältere Herren verschwanden, stichelte er tagelang, jüngere aber ließ er einfach durch den Regimentsadjutanten zurückholen.

Nun war aber der Dienst anstrengend und nicht etwa, wie die im lieben Vaterland sich die Belagerung wohl ausmalten, ein faules Franzosenaushungern. Kam es auch selten zu großen Ausfällen, so lebten doch gerade die in Lesgranges, das sehr weit vorgeschoben lag, in ständiger Beunruhigung. Eben hier wurden die verzweifeltsten Versuche unternommen, die Verbindung mit der Außenwelt herzustellen. Das gelang nun zwar nicht, doch solcher »Scherz« pflegte meist ein paar Leute, zum mindesten aber die Nachtruhe zu kosten. Als nun bei zunehmendem Hunger der Eingeschlossenen die Beunruhigungen der Vorposten einen immer größeren Umfang annahmen, fand es sich, daß die Herren ein paar Tage hintereinander nicht aus den Kleidern gekommen waren.

Man erwartete den »großen Ausfall«, in dem die verzweifelten Belagerten den letzten Ausweg suchen würden.

Da klangen Signale im Dorfe Lesgranges.

Premierleutnant von Bugk kam die Treppe heruntergelaufen, mit seinen langen Beinen schief drei Stufen auf einmal nehmend, und der Säbel, den er vergeblich versuchte während des Eilens umzuschnallen, schleppte klirrend nach. Der Kompagnieführer schimpfte laut:

»Gottesdonnerwetter nee! Keinen Augenblick hat man Ruhe!«

Auf dem Ehrenhof, wo man den Schnee zur Seite geschaufelt, war die Mannschaft schon angetreten. Leutnant Eschborn, ein kleines Kerlchen mit keckem blondem Schnurrbart, teilte nun schon zum zweitenmal die Rotten ab, denn der ewig eschrige Mensch hatte sich verzählt, worüber Leutnant von Krebs, in die Front eingetreten, still vor sich hinschmunzelte.

Als die Leute eben abmarschiert, wurden Pferde vorgeführt, und Oberst von Kranich, groß, mit noch jugendlich schlanker Gestalt, saß auf und ritt zum offenen Gittertor mit den vergoldeten Lanzenspitzen hinaus, gefolgt von seinem Adjutanten, der in der Eile den rechten Bügel nicht erwischt hatte und nun auf dem nachzappelnden Pferde danach angelte. Oberstleutnant Runge, ein hagerer Mann, schon fast weiß, mit wenigen grauen Härchen auf der geknifften Oberlippe, ritt bedächtig hinterdrein.

Ein paar Stunden lang blieb das Tor offen, der Ehrenhof lag verlassen, darüber der graue, wolkenverhangene Winterhimmel, dann klang bei einfallender Dämmerung Pferdegetrappel, der Stab kehrte zurück, gefolgt von der neunten Kompagnie. Sie hielt, trat weg, und das hohe Gittertor mit den vergoldeten Lanzenspitzen fiel zu. Dahinter schritt der Posten auf und nieder.

Oberst von Kranich und Oberstleutnant Runge gingen nebeneinander über den bordeauxroten Teppichläufer die Treppe hinauf:

»Wieder umsonst!« sagte ärgerlich der etatsmäßige Stabsoffizier, der sich um sein Nachmittagsschläfchen betrogen fühlte. Der Kommandeur meinte mit leichtem Spott:

»Na, lieber Runge, bis zum Essen können Sie ja noch 'n Stündchen schlummern!«

»Werde ich auch!«

Scherzend gab der Oberst zurück, doch seine Mißbilligung solcher »Schlafsucht« klang daraus:

»Na, wenn mich meine Kugel ereilt und Sie's Regiment führen müssen, ist's mit der Ruhe aus!«

Der Oberstleutnant zog die Augenbrauen empor:

»Berufen Sie's lieber nicht!«

»Sind Sie etwa abergläubisch, Runge?«

»Wenn auch nicht das…aber…«

»Aber doch!«

Sie nickten sich zu, und jeder verschwand in sein Zimmer. Dann sagte der Kommandeur zu seinem Adjutanten, ehe er die vorgelegten Papiere unterschrieb, und der gesunde schöne Mann strich sich die Schläfenhaare, die er nach preußischer Sitte vorgebürstet trug:

»Der reist an keinem Freitag!«

Auf der Treppe begegnete der Regimentsadjutant dem Oberstabsarzt, der ihm erzählte, wie eben ein Mann der neunten Kompagnie mit einem Kopfschuß eingeliefert worden:

»Wissen Sie, lieber Heydrich, der rotblonde Gefreite, der uns neulich abend so prächtig das Rheinweinlied vorsang. Sie erinnern sich!«

»Kommt er durch?«

»Eben gestorben!«

»Gott, ach Gott! Und seine Mutter schrieb noch neulich dem Kommandeur so'n netten naiven Brief, er solle auf ihren Jungen ,gut aufpassen'!«

»Nur'n Streifschuß!« meinte der Oberstabsarzt, gleichsam, als sähe er das nicht für voll an. »Nur'n Streifschuß!« Aber einer Mutter Sohn lag tot.

So ging es täglich. Für den Riesenkörper des Heeres waren es sozusagen Nadelstiche, aber sie entnervten durch ständige Wiederkehr.

Die Herren lehnten am Fenster und sahen in den tiefverschneiten Park hinaus, aus dessen Mitte der Neptun ragte, eine weiße Schneemütze auf dem lockigen Haupt, und die nackten frierenden Wasserjungfern, notdürftig durch flimmernde Polster vor der Kälte geschützt. Nur Regimentszahlmeister Lattmann hielt sich bescheiden zurück. Er richtete eben eine der Kerzen, die, in leere Flaschenhälse gesteckt, zur Beleuchtung des Tisches dienten, gerade, denn sie hatte getropft, und der Zahlmeister war an Ordnung gewöhnt.

Als Oberstleutnant Runge vom Fenster herüberkam und die zarten Hände wärmend gegen die Glut hielt, sah er den kleinen Leutnant von Krebs am Kamin stehen, wie er mit ständigem Lächeln und seligem Ausdruck in die Flammen starrte. Auch die andern Herren näherten sich. Man kannte den jungen Offizier, der immer eine Schwärmerei im Herzen trug und sie nach einem Glase Wein, unter dem Siegel tiefsten Geheimnisses, allen – sogar dem Kommandeur, der sie schmunzelnd entgegennahm – mitzuteilen pflegte. So entsprach es nur dem allgemeinen Gedanken, als Doktor Donner, der Kriegskorrespondent eines großen Bismarckblattes, ein bebrilltes Männchen, das schon 64 und 66 mitgemacht, leise flötend fragte:

»Nun, Herr von Krebs, ist sie denn schön?«

Aber Premierleutnant von Bugk brummte mit seinem mächtigen Baß:

»Gottesdonnerwetter nee, in dem Saunest habe ich noch keinen Unterrock gesehen!«

»Und doch war es eine reizende Begegnung!« antwortete ruhig Leutnant von Krebs. Die Herren, durch die lange Belagerung förmlich ausgehungert nach allem, was langes Haar trug, zärtlich redete, runder war und weicher, drängten ihn, zu erzählen. Schon wollte er beginnen, als die Tür zum Treppenhaus sich auftat. Der Regimentsadjutant rief:

»Der Herr Oberst!«

Und wie beim Eintritt der Herrschaften zu höfischer Veranlassung verstummte alles.

Und siehe da: als habe man nur ein weibliches Wesen zu erwähnen brauchen, erschien eine Dame. Dunkel gekleidet, schimmerte auf der Brosche, die sie trug, das Johanniterkreuz. Mit Oberst von Kranich folgte ein hochgewachsener Herr in grauem Vollbart, gleichfalls das Abzeichen des Ordens auf der linken Brust. Die Herren wurden vom Kommandeur der Gräfin Viktoria Vellin vorgestellt, einer Johanniterkrankenschwester,eben erst in Lesgranges eingetroffen, um am andern Morgen die Pflege im Feldlazarett zu übernehmen. Der Johanniter Kammerherr von der Seeben hatte sie abgeholt.

Zuerst floß die Unterhaltung nur spärlich, als schlösse die schon ungewohnt gewordene Gegenwart einer Dame den Soldaten den Mund. Und noch ein anderes lähmte die unbesorgt plätschernde Rede rauher Feldzugskrieger: die Frau kam ihnen beinahe unwahrscheinlich herrlich vor.

Als die Speisen abgeräumt, wurde man sich der Bärenkälte noch mehr bewußt und stand auf, dem Feuer näher zu sein. Die Gräfin wollte sich zurückziehen, vielleicht lag eine anstrengende Fahrt hinter ihr, oder zartfühlend hielt sie es für besser, die Herren allein zu lassen, doch Oberst von Kranich gab es nicht zu. Nein, nein, er hatte das Zimmer, das sie nur für diese Nacht beherbergen sollte, eben erst heizen lassen. Es sei noch wie ein Eiskeller. Vor ein paar Stunden war nicht daran zu denken, daß die »gnädigste Gräfin« oder vielmehr »Schwester Viktoria«, wie er sie auf ihre Bitte nennen mußte, es benutzen könnte, ohne sich den Tod zu holen.

Übrigens schien er heute mehr denn je zu langer Sitzung entschlossen. Leise sprach er mit seinem Adjutanten. Der zog sich des Herrn Oberstabsarztes Doktor Lampe chemische Rezeptkenntnisse zunutze, und bald brauten die beiden zusammen eine Bowle. Man schob die Tafel mit vereinten Kräften zurück, dafür die Stühle im Halbkreis eng um das Feuer, und wo vielleicht einst die zarten Seiden- oder Lackschuhchen hübscher Frauen und Mädchen gegen die Glut wärmeheischend sich gestreckt, standen jetzt rundum die Sohlen derber rindlederner Schaftstiefel allein empor, denn die Schwester – neben dem Obersten – hatte ihre Füße unter dem schwarzen Kleide verborgen. Nur ab und zu hob sie ein Paar kleine, schlanke Hände, an denen kein Schmuck war als ein doppelter Trauring und die selten edle Form der Finger.

Die Pfeifen dampften, behaglich lagen die Offiziere mit den wilden Kriegsbärten in den gebrechlichen Sesseln im Stile Ludwigs XV. und redeten vom rauhen Krieg wie von ferner Heimat. Und dann versanken sie in Sinnen und heimliche Sehnsucht. Manch verschlossene niedersächsische Seele verbarg sich scheu, und da der Tag müde gemacht, verstummte bald einer nach dem andern.

Als das Gespräch nun drohte zu verglimmen wie die Scheite im Kamin, auch der Kommandeur, der Anstifter des Abends, kein Wort mehr fand, als alle Träume spannen, vielleicht von Heldentat und Eisernem Kreuz, von Pour le mérite oder stolzem Sterben für das Vaterland unter den Augen des Königs, am Ende gar von Friedensschluß und Rückkehr eichenkranzbelaubt zu den Lieben daheim, klang plötzlich des Oberstleutnants Stimme:

»Übrigens, Krebs, Sie wollten uns doch was erzählen?«

Der junge Offizier fuhr empor aus süßseligem Sinnen, man sah ihm an, daß er gern gesprochen hätte, doch in dem allgemeinen Schweigen, wie des Stabsoffiziers Worte eben, einem Echo gleich, unter der hohen Wölbung des Saales verklangen, schien er die Keckheit nicht zu finden, als Jüngster das Wort zu führen. Unwillkürlich streiften seine Blicke den Kommandeur, gleichsam sich erst dessen Zustimmung zu vergewissern. Der Oberst nickte lächelnd:

»Schießen Sie man los! Aber…«

Er vollendete nicht, nur sein Auge glitt, Rücksicht heischend, über die Gräfin, die neben ihm saß, zurückgelehnt, die feinen Hände ineinandergeschlossen, sicher in Frauenwürde und Schwesternberuf und doch voll leiser Zurückhaltung als einziges Weib unter all den Männern.

Leutnant von Krebs rückte vor im Stuhl, nun schärfer das junge Gesicht mit den Blauaugen und dem blonden Bärtchen von den Flammen beleuchtet, und da er als Jüngster auf dem äußersten linken Flügel saß, wandte er sich ganz nach rechts, ließ den Blick schnell über die Hörer laufen, als stünde er vor seinem angetretenen Zuge, und hub an:

Von süßen Frauen.

Wo sind sie hin, die Abende von Lesgranges? Die holden Abende, wenn die Sonne sank hinter den Türmen von Notre-Dame, wenn ihr letzter Strahl wie eine wirbelnde Säule rotgoldenen Staubes durch die hohen Bäume fiel, der reine Sommerhimmel Mittelfrankreichs in unwahrscheinlichsten Farben stand, blutbrennend, lila, nächtig-blau? Die stillen Abende, wenn die Felder schwiegen, der Park verstummte, nicht einmal zitternde Blätter rauschten und nur leise, wie verträumt, die Wasser rannen im breiten Becken vor dem Schloß? Wo sind sie hin, die Abende von Lesgranges? Wenn süße Frauen atmend schwiegen, schweigend atmeten, tief die warme Luft des Tages einsogen in irgendeiner irren Sehnsucht? Wenn sie die Hände falteten hinter dem rabenschwarzen Haar und auf den Kieswegen schritten, das Haupt zurückgelehnt, die Augen halb geschlossen! Wenn neben ihnen einer ging, stumm wie sie, die Seligkeit des Abends mit plumpen Worten nicht zu stören? Dann saßen sie auf Bänken längs des Weges, noch unter dem Schatten hoher Bäume und doch mit freiem Blick über das herrliche französische Land, wo in der Ferne jetzt die Lichter der Weltstadt flammten in all dem unerhörten, seligen Abendschweigen.

Die Züge verschwammen, nur das Weiß der Kleider schimmerte noch, und Glühpunkte von Zigaretten, die verglommen zwischen den Hecken, die schwebten über dem weiten Durchblick, überstrahlt von den fernen Lichtern des großen Paris, die irrten bis ans Schloß, die davonflogen, aufzuckend, wenn sie einen Zweig in den Büschen gestreift.

Wo sind sie hin, die Abende von Lesgranges? Die holden Abende, wenn man saß im Grandsalon unter zartbemaltem Wolkenplafond, zwischen seidenbespannten Wänden, in weicher Bergère, rund um den Kamin, auf dem steil und still die Kerzen brannten und all die süßen Frauen ihre schwarzen, großen Augen im Spiegel wiederfanden?

Dann sahen sie manch Männerauge ihren Blick in dem silbernen Glase fangen. Von den Guéridons lächelten die Marmorbüsten dazu, und wenn gar eine unversehens dem fremden Auge zu lange standhielt, hob gewiß gerade die Uhr auf dem Konsoltisch aus, und die drüben antwortete auf dem Bahut, das man durch die offene, weißgoldene Tür sah. Kam dann noch die Pendüle vom Kamin hinzu, so hielt sich wohl Berthe – denn sie hieß Berthe, die mit den hochgeschwungenen Augenbrauen und den langen seidenen Wimpern – die kleinen rosaroten Ohren zu, machte ein bitterböses Gesicht und stieß mit dem kleinen Lackschuh ein-, zwei-, dreimal auf den Boden.

Ein junger Mensch, die Augen schwarz wie Tintenflecken und glänzend, feucht immer, ging lässig vorüber. Sie aber folgte ihm im Spiegel. Gerade über dem Kaminrand sah sie ihn, und immer runder, höher stiegen die schwarzen feinen Linien über den Augen mit den langenen seidenen Wimpern.

Im Sessel saß der Marquis, unbeweglich, das breite Riesenblatt seiner Zeitung aufgespannt. Der Marquis rundlich, der Marquis kahl, der Marquis mit seiner engen Modetoilette, der Marquis, der das halbe Jahrhundert überschritten; in der Causeuse Berthe – die mit den hochgeschwungenen Brauen und den langen, seidenen Wimpern – Berthe, die Frau Marquise.

Da trat eine ans Klavier. Als sie sich setzte, bauschte breit ihr Kleid, daß der Chasseuroffizier, der die Noten wendete, ganz seitwärts stehen mußte, die Seide nicht zu zerdrücken und die schnellenden Reifen. Und eben dadurch, weil er sich hinüberbeugen mußte, streifte, als ihre weichen Finger in Akkordenfolgen hinaufglitten zum höchsten Diskant, Haar an Haar. Marguerite – denn sie hieß Marguerite, die rund war und doch fein dabei – Marguerite griff daneben in einem schrillen Laut, daß Großmama am Kamin auffuhr, um sich blickte und alle lächelnd ansah: Berthe, den Marquis, Marguerite, den Offizier, den mit den Tintenflecken-Augen. Dann fielen wieder schwer die Lider zu.

Marguerite spielte und bekam rote Wangen. Wie sie nun abermals danebentraf, sagte sie, heftig fast, zum Jägeroffizier, ungezogen, wie nur eine schöne Dame sein darf:

»Sie wenden immer zu spät! Gehen Sie. Sie stören nur!«

Sie hob den Blick zu ihm, sie runzelte die glatte Stirn, sie sah ihn strafend an. Strafend?

Ihre Augen gingen über, und in ihrem Blick lag Jammer, aber sie spielte weiter, wenn sie auch nichts sah. Unter ihrem falschen Griff schlug Großmama die Augen wieder auf: »Mein Kind, war das auch richtig?«

Dann glitten der alten Dame Blicke freundlich im Kreis über Tante Claire, ihr gegenüber, mit dem strengen Gesicht und den Bartstoppeln an Kinn wie Lippe, und Herrn von Garivet-Ledroux, der seiner jungen Frau so gar entzückt gelauscht, daß er finstere Falten nicht gesehen noch tränende Augen.

Als Marguerite die Hände sinken ließ und nun plötzlich tiefe Stille war, allein gestört vom Knistern der Zeitung, die der Marquis umbrach zu bequemerer Größe, trat Herr von Garivet zum Klavier. Wie er sich zu der kleinen runden Frau beugte, der mit den weichen Fingern:

»Marguerite, spiele doch einmal das von Beethoven!« (er sagte Bätoow), sprang sie unwillig empor. Eben gewann er noch Zeit, zur Seite zu treten, denn der Reifrock schnellte auseinander. Sie rief:

»Ich spiele gar nicht! Na!«

Sie rauschte an ihm vorüber, der sich ängstlich zwischen zwei Möbel gedrückt. Er sah ihr nach mit seinen guten, guten Augen und seiner großen, großen Nase und sagte zum Chasseuroffizier in lächelnder, trauriger Verlegenheit: »Sie ist nicht zufrieden!«

Der junge Mann aber stammelte:

»Ja … ich glaube!«

Der große Seidenschirm über der Lampe mit dem Porzellanbecken auf fein durchbrochenem Bronzefuß warf tiefen Schatten in die Ecke. Dort saß Jeanne – denn sie hieß Jeanne, die mit dem matten Perlenteint unter dem blauschwarzen Haar, die mit den Wangen gleich altem Elfenbein, die mit den Mandelaugen, weitauseinanderstehend, unter geraden, wie mit dem Pinsel gezogenen Brauen – und ihre Mandelaugen folgten dem jungen Offizier – er sah sie nicht. Und ihre Mandelaugen glitten zu dem mit den Tintenfleckenpupillen – er blickte in den Spiegel, wo Berthes Bild stand, just neben dem Rand der großen Zeitung, die leise knisterte, denn der Marquis hatte das Zittern in den Händen.

Da klappte Großmama wieder mit den Augen:

»Spiele das noch einmal, Marguerite!«

Niemand saß am Klavier. Als sie die Lider mühsam aufzwang, sah sie den leeren Stuhl. Jeanne aber, die kleine Jeanne, das einzige Mädchen noch, kam schon zu Großmama, kauerte nieder an ihrem Stuhl und sagte mit ihrer tiefen Stimme, langsam, wie sie immer sprach:

»Ich will etwas deklamieren, Großmama!

Die Mandelaugen blitzten. Mitten im Salon stand die kleine magere Mädchengestalt, und sie begann »Grab und Rose« von Viktor Hugo. Der weiche Klang ihrer Muttersprache führte sie dahin, mit ihrer Rasse natürlichen Gebärden unterstützt sie tönende Worte, nach allen Seiten gewandt, an alle Hörer gerichtet, sich durchzusetzen, daß auch sie lebte wie Berthe, wie Marguerite. War die eine wohl von süßerem Rund, die andere mit hochgeschwungenen Brauen und seidenen Wimpern, sie hatte Mandelaugen, sie den Perlenteint! Ihre Nasenflügel bebten, ihre Stimme hob sich schwingend. Als sie geendet, blickte sie sich atmend um.

Großmama war eingenickt. Großmama war alt. Großmama war müde. Der Marquis schielte über die Zeitung zu seiner Schwägerin:

»Sehr nett, kleine Jeanne, sehr nett!«

Dann las er weiter. Berthe sah im Spiegel des jungen Mannes feuchte, schwarze Augen glänzen, tief verstrickt im süßen Glück, daß einer ihrer dachte. Marguerite erhob sich. Die Reifen ihres neuen Abendkleides sprangen auseinander, daß die Seide knisternd den Türrahmen strich. Der Offizier ging ihr nach, den Blick gesenkt, gleichgültig, wie es schien, und doch im großen Saal, gierig an ihrer Seite, bis sie durch die offene Tür des Balkons untertauchten in die zärtlichlaue Dunkelheit der Nacht.

Kerzengerade saß Tante Claire mit ihrem strengen Altjungferngesicht, Bartstoppeln schwarz und hart am Kinn, und starrte ihnen nach. Sie fand kein Wort für Jeanne, deren Lippe zuckte, deren Mandelaugen glänzten. In all dem Kosen, Schöntun, Flüstern hatte sie umsonst gesprochen.

Eine Nase tauchte auf neben ihr, eine große, große Nase: Herr von Garivet-Ledroux, ihr Schwager, sagte ein paar bescheidene Worte und nickte, und seine Nase nickte mit. Jeanne hörte nicht darauf: von dem mit den feuchten Tintenfleckenaugen sollten sie kommen – der schwirrte um Berthe; der Chasseurleutnant hätte sie sagen müssen – der flüsterte mit Marguerite. Jeannes Lippe zuckte, ihre Mandelaugen glänzten.

Wie sie nun keine Antwort gab, wandte der Schwager seine große Nase ab. Er meinte, er sei lästig. Zwischen den Sesseln irrte er hin und spähte in den Salon daneben. Dort saß Berthe, lässig zurückgelehnt, und hörte mit weichen, langen Blicken dem mit den polierten Augen zu, geschmeichelt leise und doch kühl, wie er girrte vor ihr und redete mit heiserer Stimme süßen Unsinn. Unsinn, denn ihm mangelte Zusammenhang und Veranlassung, süß … nun, war's nicht süß, zu fühlen, wie einer sich im Netze fing, einer, den man zappeln ließ und wieder fortwarf? Herr von Garivet-Ledroux wich scheu zurück und steuerte durch die offene Flügeltür in den Saal. Tante Claire hob hoch den Kopf, lang wuchs ihr Hals, langsam stand sie auf, plötzlich schoß sie fort, schräg durch den Saal, darin auf dem Kamin die hohen Leuchter brannten, vorüber an der großen, großen Nase. Die alte Jungfer hatte knapp vor ihm das gähnend schwarze Loch erreicht, aus dem die weichen Abenddüfte zogen.

Sie waren süß, die Abende von Lesgranges, wenn es von den Akazien wehte, wenn im großen Schweigen nur ein Plätschern traulich klang, dort unten vom Neptun. Sie waren dunkel, die Abende von Lesgranges, wenn den Himmel nur der ferne Schein erhellte von Paris, dessen Summen man zu vernehmen meinte gleich dem Rauschen in der Muschel am Ohr. Und doch sah man gegen die Lichter von Paris, über das Gitter gelehnt, zwei Gestalten, Haar an Haar, wie beim Notenwenden.

Tante Claires strenge Hand riß sie vonsammen. Der Nichte – sie hieß Marguerite – zischte sie ins Ohr: »Willst du dich unglücklich machen für dein ganzes Leben?«

Ein Schatten trat hinter ihnen in die Tür, und die beiden vorn am Gitter rückten auseinander, gleich Menschen, die sich weh getan. Tante Claire sagte, kurz, hart, schneidend, und deutete empor zur Sternensaat, hinüber auf den Lichterschein, den Himmel heilend, als brenne unten eine ganze Stadt:

»Sehen Sie, René – ist das schön!«

Eine große, große Nase hob sich, und eine gute, gute Stimme sagte: »Ja, mein Gott, ist das schön!«

Die Tür ging auf im Salon. Jeanne lief dem kleinen Herrn entgegen mit grauem Schnurr- und Kinnbart, der stehen blieb, den Stock in der Hand. Er streifte seiner Tochter Wange rechts und links mit den Lippen. Aus Mandelaugen strahlte sie ihn an:

»Nun bin ich nicht mehr allein!«

Verstand er es nicht? War er verstört, war er müde von der Reise? Etwas rang ihm die Seele ab, doch als guter Sohn trat er zuerst an den Kamin, seiner Mutter weißen Scheitel zu küssen:

»Ein bißchen geruht, Mama?«

»Nein, nein, ich hatte nur die Augen zugemacht!«

Nun rief er laut, immer die kleine Jeanne am Arm: »Berthe, René, Marguerite, he – he – he …«

Von allen Seiten kamen sie. Jetzt sah man erst des Papas rote Wangen, und daß sein Atem keuchend ging, wie er die scharfen braunen Augen im Kreise laufen ließ:

»Wißt ihr's denn schon? Na? Was? Nicht? Nun denkt euch … Es ist famos … Ich komme eben aus Paris zurück! Eben ist die Nachricht da! Wie ein Feuer lief's herum! Denkt euch … Denkt euch … Also … wir haben den verdammten Preußen den Krieg erklärt!«

Papa blickte sich um. Großmama lächelte freundlich. Der Leutnant rief: »In acht Tagen sind wir in Berlin!«

Marguerite befahl ihm, aber ängstlich fast:

»Sie bleiben hier!«

Tante Claire, mit ihrem strengen alten Gesicht, sagte nur:

»Sie gehen!«

Der junge Offizier wandte ein, er habe noch keinen Befehl, doch die alternde Jungfer rief hart:

»Es ist Ihre Pflicht!«

Dann führte sie ihn fort, der zögernd Abschied nahm, und drängte Marguerite zurück an der Tür:

»Vielleicht hat dir dein Mann etwas zu sagen!«

Berthe, die mit den hohen Brauen und den langen seidenen Wimpern, sah in glänzend feuchte Augen. Es tat ihr gut, im grausam süßen Spiel dem weichen Zögerer zu sagen: »Sie Armer – leben sie wohl!«

»Aber … gnädige Frau, ich … ich bin nicht Soldat.«

»Das Vaterland bedarf gewiß Ihrer … eilen Sie!«

Als er ihre schmale Hand an seine Lippen zog, tauchten ihre Augensterne zum letztenmal tief in unergründlich schwarze Pupillen, darum, wie mit dem Pinsel hingewischt, die Wimpern standen. Dann trat Berthe ans Fenster, biegsam, hüftenwiegend, und trällerte im Lächeln vor sich hin:

»Marlborough s'en va-t-en guerre!«

Sie dachte an die Abende von Lesgranges, die holden Abende, wenn manch lieber Blick auf ihr ruhen würde, sei's auch ein anderer, ein neuer, der eines Prussien – war's nur einer mit tiefer Stimme, breiter Brust und Haar unter der Nase.

Der Marquis las den Absatz in der Zeitung unbewegt zu Ende. Dann faltete er das Blatt zusammen:

»Also, verehrtester Papa, wie ist denn das gekommen mit dem Krieg?«––-

Wo sind sie hin, die Abende von Lesgranges? Wo jener letzte, da sie saßen im Petit Salon und Papa erzählte, der junge Chasseuroffizier, der einst so schnell nach Berlin gewollt, habe einen braven Soldatentod gefunden, nicht in Feindesland, nein, nahe, ganz nahe von Lesgranges! Sie fanden alle Worte des Bedauerns, nur Großmama lächelte freundlich dazu und nickte wieder ein. Marguerite – die rund war und doch fein dabei – stand auf. Als sie im dunkeln Saal am Fenster lehnte, die Stirn an den Scheiben, das kleine Batisttuch zwischen die Zähne gepreßt, und hinaussah in den finstern Park, wo der Neptunbrunnen rauschte, leise wie Weinen, lag eine harte Altjungfernhand auf ihrer runden, weichen Schulter, und eine strenge Stimme sprach:

»Marguerite, mein armes Kind, glaube mir, es ist besser so – für dich!«

Wo sind sie hin, die Abende von Lesgranges? Die holden Abende, wenn die Sonne sank hinter den Türmen von Notre-Dame? Ob Großmama noch immer freundlich lächelt? Ob der Marquis die Zeitung liest? Ist jener mit den Tintenfleckenaugen nun auch von einer bösen Preußenkugel fortgerafft? Und Tante Claire, das harte, ach, so weiche alte Mädchen?

Wo sind sie hin, die Abende von Lesgranges? Und wo die süßen Frauen? Ist Jeanne – die mit den Mandelaugen, mit dem Perlenteint – noch so allein? Hält jener gute Gute mit der großen, großen Nase wohl seine Marguerite mit festerer Hand? Und Berthe, sieht sie jetzt etwa böse Preußen an im Spiegel?

Wo sind sie hin, die süßen Frauen von Lesgranges? Wo sind sie hin?

Der junge Offizier lehnte sich zurück in seinen Stuhl. Ein Augenblick war Schweigen, dann fragte der Oberst:

»Krebs, Sie Deubelskerl, wo haben Sie denn das her?«

Leutnant von Krebs' Gesicht erschien wieder im Feuerkreis rot angestrahlt von der Glut; ein lustiges Zwinkern ging um seine Augen:

»Herr Oberst, ich wohne nämlich in der kleinen Jeanne Mädchenzimmer!«

»Aber sie hat es Ihnen doch nicht erzählt?«

»Verzeihen, Herr Oberst, doch. Das heißt, sie hat in der Eile ihre Briefe, ihr Notizbuch, ihr Tagebuch, kurz alles Schriftliche liegen lassen!«

Oberstleutnant Runge streckte seine durchsichtigen Hände wärmend dem Feuer entgegen: »Ihre Jeanne, lieber Krebs, scheint also wenig Wert darauf gelegt zu haben.«

»Es ist auch nicht viel dran, Herr Oberstleutnant. Die Aufzeichnungen sind nicht geistreicher als der Gesichtskreis etwa eines gleichalterigen deutschen Mädchens.«

Plötzlich fuhr Premierleutnant von Bugk los, der auf den kleinen Krebs sowieso nicht gut zu sprechen war wegen des Träumers »Unaufmerksamkeit beim Dienst«:

»Na, hören Sie mal, Sie mit Ihren windigen Französinnen! Da ist doch so'n rechtes deutsches Mädel was ganz anderes. Nee, nee, die Oogenschmeißerei auch noch verteidigen? Meinen Sie nicht, gnädigste Gräfin?«

Alle Blicke wandten sich zur Johanniterschwester, als erwartete man, sie würde ihren Standpunkt festlegen, diese schöne Frau, für oder gegen die französischen Damen. Und alle die Männer beugten sich im Kreis in ihren Stühlen vor, rechts und links, vom nur noch glimmenden Feuer im Kamin beschienen. Die schöne Frau zuckte nur leise die Achseln und starrte sinnend in die Glut, deren matter Schein die Augen nicht mehr blendete. Dem Premierleutnant aber schienen die süßen Frauen von Lesgranges noch immer die Laune zu verderben. In seiner Erregung stand er auf, sechs Schuh hoch, mit seinem teutonisch rotblonden Feldzugsbart, und sein gewaltiger Baß klang, als stünde er vor der Kompagnie, zum Bajonettfechten auseinandergezogen, daß sie den ganzen Ehrenhof von Lesgranges füllte:

Von lieben Mädeln.

Gottes Donnerwetter nee, die hatten keene ›Mandeloogen‹, nee, aber angucken konnten sie einen, ehrlich wie'n guter Freund, und gaben einem die Hand – keine faule mit langen Fingernägeln, sondern eine, die zugriff in Haus und Hof. Rissig mochte sie wohl sein, aber 'n fremder Schmachtlappen mit Tintenfleckenoogen, der hätte sie nich gekriegt. Gottes Donnerwetter nee!

Aber nun zum Signalement, wie's im Soldbuch gestanden hätte, falls sie hätten dienen müssen. Die hätten's getan, das sag' ich nur, und der Chasseuroffizier wäre nich bis Berlin gekommen, schon wegen der lieben Mädel nich. Liebe Mädel sind's gewesen, das muß wahr sein! Blond waren sie wie reifer Roggen, Oogen wie Vergißmeinnicht am Bach und Farben – Perlenteint? Nee – Elfenbein? Nee. Totes Zeug das! Die hatten Gesichter – wie Milch und Blut. Ach Gott, ach Gott, was sind das für liebe Dinger gewesen!

Sie hatten nich viel, weiß der Deubel, nee, aber sind die Kröten die Hauptsache? Wo das erst mal anfängt – sind wir ooch schon aufm absteigenden Ast. Hat einer je gehört, daß 'n Infanteriestabsoffizier Großkapitalist gewesen wäre? Und so war denn Vater – Papa hieß er nich – also Vater hatte's nich gerade dazu, sich die Sporen vergolden zu lassen. Wäre ja ooch dienstlich ausgeschlossen gewesen!

Waren das Abende dort! Nich wie die in Lägranksch!

Hat sich was! Im Dunkeln im Garten rumgemiezt wurde da freilich nich – janz einfach, weil's keinen gab, und im Spiegel oogengeklimpert und Feldtelegraphie versucht – nee, nee, das gab's ooch nich. Janz einfach, weil's außer Vatern seinem Rasierspiegel und der seligen Mutter ihrem kleenen gesprungenen über'm Waschtisch keenen gab. 'ne großartige Frisiererei war nich. Früh: eins, zwei, drei! 'raus aus den Federn, rin ins Waschbecken, daß die Tropfen nur so flogen. Wasser wurde nich gespart. Kostete ja nischt. Und dann gekämmt und gestriegelt, Zöpfe geflochten, jede für sich, und dabei spritzten sie sich wie die Bengels im Wasser, daß der Ulk nicht fehle. Hui, war's da im Winter oft kalt, ganz rot liefen die weißen Arme an, und Pusteln drauf wie die Gänse, wenn sie gerupft sind. Verweichlicht war man nich, denn die Waschkleider, die sie im Haus, auch im Winter, trugen, waren gerade keene Pelze nich. Wäre auch nur lästig gewesen, denn man stahl dem lieben Herrgott nich den Tag.

Unter uns – außer dem Burschen gab's bei Oberstleutnants nur ein Mädchen für die groben Arbeiten, Holz-kleinmachen, Kohlen-schleppen, Schrubbern, Waschen – und Tür öffnen, wenn der Bursche nich da war. Natürlich nur bei Fremden. Vatern machte man schon auf, sei's Anne-Marie …

Ach so, Kotz Schwerebrett, jetzt möcht' ich sie doch vorstellen, die lieben Mädel, alle sechse – ja, ja – sechs Stück. Da galt es, Sparmeister sein, um die sechs hungrigen Spatzenmäuler zu stopfen. Mit Verlaub, Spatz hieß nur die eine, im bürgerlichen Leben eben Jungfer Anne-Marie geheißen. Spatz hieß sie, weil sie die frechste wäre, hatte der Vater gemeint. Weil an ihr nichts war als Haut und Knochen, wie so'n armer kleiner Spatz, meinte die übrige Bande, als da war: der Hans, nämlich die Älteste. Getauft natürlich Johanna, aber weil sie mit starker, fast männlicher Sicherheit sozusagen als Stubenältester den übrigen vorstand, aus Hannchen über das Hänschen zum Hans entwickelt. Brumbrum. Baßstimme. Widerspruch ausjeschlossen!

Aber nichts Unweibliches war am Hans! Beileibe nich! Gerade der Hans war zierlich gebaut, mit feinen Gliedern und schlanker Taille. Der Blondkopf saß so sicher und stolz auf dem langen Hals! Und die dünnen Finger, die zarten Hände hätten zu einer Königin gepaßt – das heißt, vorher hätten sie erst mal vier Wochen Schonzeit gebraucht zum Glattwerden von der Arbeit im Haus.

Der Hans war die erste auf. Trara, trara, tetterettätrara! Reveille geblasen. Der Hans zog den Mädeln die Bettdecken fort: ›Aufstehn! Aufstehn!‹ Und wenn die Trudl, Gertrud natürlich, bat: ›Noch ein bißchen, Hans!‹ kam's nicht selten vor, daß die halbe Waschschale drübergeschüttet wurde, bis die Trudl mit beiden Beinen aus dem Bett sprang. Ein Bild des Jammers, stand sie da mit eingekrampften Zehen an den Füßen und so verschlafen, ach herrjemine, so verschlafen! Aber das half nichts: anziehen galt's, fix, fix, vorwärts, daß dich der Hohle beiße! Dann mußte noch obendrein das Laken zum Trocknen aufgehängt werden. Höchst eigenhändig! Kammerfrau nich vorhanden! Fix, fix, vorwärts, denn unten dampfte schon die Milch mit der Dreierzeile Semmel. Drei Wecken pro Mädel, mehr gab's nich. Ja, ja: dreimal sechs ist achtzehn, und einen Pfennig das Stück. Das gab dann ein Pusten und Blasen, und der Spatz verzog den Mund: ›Pfui, ist das heiß!‹ Aber der Hans stand da mit der Uhr in der Hand. Punkt dreiviertel hieß es zur Schule gehen, denn Zuspätkommen gab's bei den Oberstleutnantsmädeln freilich nicht. Da wurde denn die Milch hin und her gegossen aus der Oberschale in die Untertasse und aus der Untertasse in die Oberschale und immer wieder versucht: ›Geht's nun?‹ – ›Ach Hans, es ist so heiß!‹ Doch der Hans stand da, unbarmherzig, mit der Uhr und machte grimme Augen: ›Runter mit der wilden Katze!‹

Dann trollten die Kleinen davon in die Schule: Trudl und der Spatz. Der Hans ging aber oft heimlich hinterher, daß sie unterwegs keine Dummheiten trieben.

Ja, der Hans war überall, kochte, schurigelte die Kleinen, lief treppauf und treppab zum Einkaufen und zu Besorgungen, und von der Wohnung im dritten Stock hinauf in die Mansarden. – Oberstleutnants hatten nur eine halbe Etage und den Dachstock dazu. Der Hans ging zuletzt zu Bett, denn abends galt es noch, Strümpfe stopfen und Wäsche nachsehen und Kleider ausbessern und das Haushaltungsbuch führen. Alles machte der Hans allein. Die Trudl und der Spatz hatten zu viel mit Schularbeiten zu tun. Übrigens hatte der Spatz davon immer Tintenflecken an den Fingern. Und leider kaute er damals an den Nägeln. Aber, bitte, sagen Sie das nich weiter, gnädigste Schwester und meine Herren. Es könnte ihm in seiner späteren Laufbahn zur Ehe schaden.

Übrigens mit dem Heiraten steht das so dahin. Mit Sicherheit wußte man es nur von einer, von der schönen Ida, dem ›Paradepferd‹, das all die andern lieben Mädel schlug. Hübsch war sie, das mußten ihr sogar die Freundinnen lassen. Dabei war sie keene Puppenschönheit, sondern ein rechtes, liebes deutsches Mädel, die nich mit die Oogen klapperte, sondern durchs Leben ging mit der Gewißheit: kommt er und klopft an, natürlich der Rechte, wird aufgetan. Das heißt: gekommen war noch keener, aber bei der konnte es ja nich fehlen! Die Schwestern sprachen ooch nie anders von ihr als: ›Ja, die Ida ist schön!‹ Das war die einzige Schwäche. Verzeihlich, nicht wahr, wenn man sich liebhat, wie die sechs Mädel einander! Die schöne Ida ging denn ooch ein wenig dahin, als wollte sie immer sagen: Ich bin ooch schön!

Das meinte nun die Käthe, die dritte, nich von sich. Und dabei war sie doch ein Bild von einem Mädel, mit ihren himmelblauen Guckoogen und der Milch- und Blutfarbe wie sie alle. Sie las abends Vater die Zeitung vor, denn er hatte immer mit den Augen zu tun, seit dem Hieb, den er bei Königgrätz von dem kleinen österreichischen Bombenschmeißer mit dem Faschinenmesser abgekriegt hatte. Die Narbe lief durch beide Augenbrauen quer über die Nase. Deshalb sah nämlich Vater immer so finster drein, und er war doch so gut! Gesprochen wurde freilich nie von Vaters schwachen Augen, vielleicht hätte es beim Avancement schaden können! Käthe mußte ooch alles Militärische vorlesen, das aus der Regimentsbibliothek geborgt wurde, denn Vater mußte sich doch weiterbilden!

So kam es, daß, wenn mal 'n paar Herren des Regiments zum Abendbrot kamen – kalten Aufschnitt gab's und Tee und Bier, holla, fertig – und vom Dienst gequasselt wurde, die Käthe in Felddienstordnung und Exerzierreglement natürlich besser Bescheid wußte als die Herren Leutnants all' tosammen. Das wär 'n Kompagniechef geworden, die Käthe, Gottes Donnerwetter ja! Und daß die für so'n armen Leidträger – jawohl, meine Herren, seitdem ich 'ne Kompagnie führe, weiß ich's – eigens von unserm Herrgott geschaffen war, daran zweifelte keener im Regiment.

Ach Gott, war das nett, so'n Abend bei Oberstleutnants! Den Hans sah man dann nur ab und zu. Die Trudl und der Spatz waren zwar schon zu Bett gebracht, aber fürs Essen mußte doch einer sorgen. Man merkte es, denn wenn der Hans auch die Schürze jedesmal draußen abband und auf den Stuhl legte, links gleich neben der Tür, so verrieten doch die glühenden Backen, daß er an der Herdglut gestanden. Die kluge Käthe ließ dafür drinnen das Feuer der Unterhaltung nich ausgehen, und die schöne Ida saß dabei in ihrem hübschen Kleide – denn ihr wurde das meiste spendiert –, drehte den feinen Kopf rechts und drehte ihn links und sah alle an, als wollte sie sagen: Ja, ja! Ja, ja! Denn – nun, ich will es nur eingestehen – sie war nich gerade die hellste der sechs lieben Mädels.

Sechs? Da habe ich ja die Eva ganz vergessen! Eva, den Tausendbund, das Quecksilber, Eva mit den ewig lachenden blauen Oogen! Die brachte Leben in die Bude! Gottes Donnerwetter ja! Wenn Ida in stiller Schönheit schwieg, der Hans den Burschen überwachte, daß er auch die Zervelat-, die Leberwurst und die Hausschlachtene nich hinschmeiße, wenn Käthe Felddienst übte, exerzierte oder auf Kriegsgeschichte prüfte und oben in der Mansarde die Trudl und der Spatz süß schlummerten – pardon übrigens, der Hans hat sie mal dabei erwischt, daß sie heimlich stibitzte Lichtstümpfchen entzündet hatten und die ›52 Sonntage‹ lasen! – also dann blitzte es um Evas Oogen, sie würgte am Schinken, und der Tee lief ihr immerfort in die falsche Kehle, daß ihr Nachbar ihr den Rücken klopfen mußte – denn die lieben Mädel waren nich von Marzipan, und in ihrer reinen Natürlichkeit durfte man sie ruhig behandeln wie gute Kameraden, die man doch ooch nich so einfach ersticken läßt! Ja, da war gewiß irgend was los, denn die Eva hatte den Deubel im Leib! Hatte sie etwa dem Herrn Hauptmann mit der großen polierten Glatze Stecknadeln durch den Mützenboden gestochen, daß es ihn beim Nachhausegehen kratzen würde wie ein Igel? Oder etwa wieder dem Herrn Oberstabsarzt über Schmerzen in der Seite geklagt, bis ihr nach langer schwieriger Auseinandersetzung und tiefstem Bedauern die Veranlassung einfiel, nämlich: sie habe so über den Herrn Oberstabsarzt lachen müssen?

Aber keener nahm dem Mädel was übel! Überhaupt übelnehmen bei Oberstleutnants? Na, den hätte ich mal sehen mögen! Den hätten sie runtergeputzt alle sechs. Ja alle sechse, denn sie wären imstande gewesen, die beiden Kleinen eigens dazu aus den Betten zu holen. Das war nun freilich an dem Abend, an den ich jetzt denke, nich nötig, denn wie so die janze Jesellschaft bei Tisch sitzt, fängt plötzlich die Hängelampe an zu zittern und zu zucken, zu schwingen und zu pendeln, daß alles aufblickt. Ist's ein Erdbeben? Ist mobil gemacht, und die Schießerei geht schon los?

Mitnichten. Wie sollte das ooch sein? Aber jetzt tanzt die Lampe förmlich. Erschrocken blickt man sich an. Da: Getrampel, etwas wie Springen und Scherzen. Der Hans fährt auf. Ein Wort sagt er nur: ›Der Spatz!‹ Schon ist der Hans fort. Hui, ›es geistert‹, ruft Eva mit grausigem Ausdruck. Vater nimmt ein Licht. Draußen auf der Kommode, wo die Lampen stehen, sind noch mehr, denn zum Schlafengehen hinauf in die Mansarde kriegt jedes der Mädel seine Talgfunzel. Nun schleicht die janze Bande ruf. Die Leutnants, der Oberstabsarzt, ja sogar der Fähnrich. Der Herr Hauptmann, der immer Angst hat vor Zug, nimmt vorsichtshalber seine Mütze mit – in der Hand. Auf den Zehen geht über die Treppe der Fackelzug, und Eva blickt sich immer um und macht, die Hand an den Lippen: ›Pst! Pst!‹ Je näher sie dem Zimmer kommen, wo Trudl und der Spatz friedlich schlummern, desto mehr schuttert der Boden. Seltsame Laute dringen heraus, und plötzlich reißt Eva die Tür auf. Was erblickt man da? Zwei weiße Gestalten, in wildem Auf und Ab durchs Zimmer gegeneinander stürzend. Und als die ganze Gesellschaft dasteht: Vater, der Oberstabsarzt, Hans, Ida, Käthe, Eva und die Leutnants alle, erkennen sie Trudl und den Spatz, die, in ihre Laken gehüllt, bei nachtschlafender Zeit im Schein des blassen Mondes – erstes Viertel – Fandango tanzen. Oder ist es Tarantella? Und im gleichen Oogenblick – es zieht bei der offenen Tür – hat der Hauptmann die Mütze aufgesetzt, schreit laut auf, wie von Lanzenstichen einer Ulanenattacke durchbohrt, und faßt sich an seine Platte!

Aber übelnehmen bei Oberstleutnants?

Übrigens ist ja noch alles vorbei wie ein Spuk: mit einem Hechtsprung sind die beiden weißen Gestalten in ihre Betten gefahren. Da liegen sie, regungslos in tiefem Schlaf. Nur seltsam, seltsam, ist es von Träumen? Ist es die Wärme der vielen Lichter des Fackelzuges im Zimmer? Ihre Gesichter werden leise rot unter dem blonden Haar, nun brennend, jetzt wie die Paradiesäppel.

Vater schüttelt nur den Kopf: sieh da die Kleinen! Wer hätte das gedacht! Er wird die Kandare ein wenig mehr anziehen müssen! Und doch, parieren sie nich sonst aufs Wort? Wie alte Soldaten? Sind sie nich exerziert wie sie? Alles ging militärisch zu: das war zu Weihnachten am besten zu erkennen. Sechs Mädel waren es. Sechs Tische standen in der Eßstube aufgebaut. Drei rechts, drei links. Wenn Vater dann mit dem Burschen den Baum angezündet, ließ er in seinem Zimmer die sechs Mädel antreten. In zwei Gliedern. Genau gerichtet. Gottes Donnerwetter, man war Soldat! Dann: ›Stillgestanden!‹ – ›Rechtsum!‹ – ›Bataillon – marsch!‹ – Die Türen flogen auf. Lichterglanz und Weihnachtsfreude, aber die Kompagnie sah nichts davon, sie war im Dienst. Ins Zimmer marschierten sie hinein – Hände an der Hosen- – pardon Kleidernaht – und hielten erst wie auf Donnerschlag, als das Kommando klang: ›Bataillon – halt!‹ Dann aber kam: ›Erstes Glied rechts, zweites links – um!‹ – ›Bataillon – marsch – halt!‹ Und die sechs Mädel standen wie angemauert, rechts und links vor ihren sechs Tischen. 's war nich viel druf, gewiß, denn, wie ich schon sagte, Schmalhans war Küchenmeister, aber ob nich Neugierde, Sehnsucht, deutscher Weihnachtsjubel in sechs Herzen zitterte von sechs lieben Mädeln? Keene regte sich. Preußische Soldatenkinder nich stillestehen? Gottes Donnerwetter, wir stehen, wenn's befohlen wird, Hände an der Hosennaht, vierzehn Tage im Granatfeuer! Also: Vater wartet. Kein Hauch. Totenstille wie beim Stillgestanden. Nur die Zweige am Christbaum knistern, und steil und unbeweglich wie die sechs Mädel brennen die Lichter. Und dann endlich das Kommando: ›Rührt euch!‹ Wie ein Mann setzen sie den linken Fuß vor, lachen, jubeln, staunen, bücken sich und greifen nach der Puppe, Trudl nach der kleinen Puppenstube, der Spatz nach dem Buch, Käthe, Eva nach Strümpfen, Taschentüchern, die schöne Ida aber nach dem neuen Hut, um den sie zweimal schon geweint. Der Hans aber sieht seinen Tisch nich an, erst muß er mit Vater dem Burschen und dem Hausmädchen ihre Sachen zeigen. Und dann singen sie zusammen alte, schöne deutsche Weihnachtslieder und sitzen mit Vater unterm brennenden Boom, und mit seinen Ältesten spricht er von Mutter, die nun schon seit Jahren da oben ist, von wo die Engel herabschweben mit ihrem ›Ehre sei Gott in der Höhe‹. Und die schöne Ida hat ihren Hut aufgesetzt, Käthe liest, Eva hat unversehens einen Appel vom Boom genascht, als wie im Paradiese, Trudl badet schon ihr Püppchen, der Spatz aber sitzt auf Vaters Knie, und die wilde Fandangotänzerin legt heute das Haupt an seine Brust mit schweren Lidern: ›Vatti, ich bin so müde!‹

Und der Hans bindet die Schürze um, das Essen fertigzumachen, und sagt als leuchtendste Weihnachtsfreude:

›Vater, nächstes Jahr um die Zeit hast du ein Regiment!‹

Aber Mandeloogen haben sie nich, ooch keene seidenen Wimpern, nee, aber was sind dagegen die Abende von Lägranksch? Gottes Donnerwetter ja!

Ein Strahlen lag auf allen Gesichtern. Oberstleutnant Runges feine Züge erschienen im Feuerkreis:

»Nun, jetzt hat er ja sein Regiment!«

»Er ist bei Mars-la-Tour gefallen!«

Der Baß des Premierleutnants klang ganz weich, als er es sagte, und fast in seine Worte hinein tönte des Regimentsadjutanten warme Bitte: »Wenn wir Paris haben, lieber Bugk, und es ginge heim …«

Der große Rotblondbärtige unterbrach ihn:

»Ich verstehe … aber eene davon, das möchte ich nur gleich sagen, ist nich mehr zu haben! Gottes Donnerwetter! Nee!«

Und er ließ sich langsam unter dem Lächeln der Tafelrunde in seinen Stuhl zurücksinken. In dem Schweigen nun vernahm man deutlich der Johanniterschwester doch nur geflüsterte Worte:

»Arme Mädchen!«

Der Oberst wandte sich zu ihr:

»Aber er fiel auf dem Felde der Ehre. Das ist ein Trost für alle, die zurückbleiben, Kinder, Eltern, Frauen! Sie müssen das oft mitangesehen haben, gnädigste Schwester?«

Gräfin Viktoria Vellin richtete sich auf:

»Erlebt. Selbst erlebt, Herr von Kranich. Mein Mann ist gefallen. Ich bin stolz auf ihn.«

Die Gräfin Viktoria Vellin saß kerzengerade da und starrte auf die prasselnden Scheite im Kamin, ernst, als sähe sie eine Gestalt vor sich. Die Herren folgten ihr mit den Blicken. Niemand wollte fragen. Sie begann von selbst. Zuerst halbleise, nicht aber schwach und weich, sondern nur wie einer, dem die Bilder vorschweben, ungewiß, ob er sie halten und zwingen wird. Dann laut, schnell, gleich einem, der die drängende Fülle der Gesichte andern mitteilen will, ehe sie zerflossen sind:

Vom Tode fürs Vaterland.

Über die in tiefem Schlummer nur leise atmende Erde, durch sternenlose Nacht marschiert schweigend die Kompagnie. Vorwärts, wie es einen andern Weg nicht gibt für preußische Soldaten. Dem Abend zu heben sich die großen Gestalten vom Himmel ab, dann wieder ahnt man gegen das dunkelnde Land die weißen Gardelitzen. Kein Ton, kein Laut als einmal das Knacken eines Herbstzweiges unter dem Druck schwerer Kommißstiefel. Dann ein Wink: ein Flüstern gleitet durch die Reihen wie der Wind wellenkräuselnd über einen See, und – ,halt'.

Vorn der Hauptmann. Groß. Blond. Niedersächsisches Blut. Die blauen Augen sind dorthin gerichtet, wo man die Höhen ahnt in der Ferne. Er lauscht. Nur ein Bach plätschert irgendwo.

Vorwärts. Leise. Da mit einem Male – wo kommt er her? – ein Riesenschatten. Etwas hebt sich über ihm, spitz – der Turm. Die Kompagnie steht an einer hohen Mauer. Lang streckt sie sich hin.

Ein Wink – wiederum ›halt‹ – und ›nieder‹. Die Grenadiere knien. ›Gewehr – ab.‹ Lautlos sinken hundert und mehr Gewehrläufe.

Der Hauptmann tritt an die Mauer. Er tastet. Da ist das Tor. Es knarrt. Entschluß: ein Ruck, und es geht lautlos auf. Stufen führen hinan. Heller leuchtet etwas. Einzeln. Hochragend. Der Hauptmann tritt hinauf: die Steine wachsen. Nun sind sie breit: marmorne, eiserne, hölzerne Arme. Kreuze. Hügel nun. Tafeln. Gitter. Grabsteine. Ein Kirchhof.

Der Hauptmann schreitet zwischen den Gräbern hin. Der Lebende über den Toten. Unten liegen sie in langen engen Reihen wie gefallene Schützenketten auf dem Schlachtfelde, Mann an Mann.

Die Mauer macht ein Knie, die Reihen der Toten trennend von den Lebenden, die dort unten wohnten im verlassenen Dorf. Der Hauptmann tritt dicht an die gegen den Erddruck des hochliegenden Kirchhofs gewaltig stark gegründete Mauer. Wie sich sein Auge mählich an die neuen Lichtverhältnisse gewöhnt, dämmern unten Dächer. Über ihnen das weite Land, ein Grau, ein Dunkel in nächtiger Finsternis. Über Höhen errät man die Linie des Himmels.

Der Hauptmann holt die Kompagnie. Die Gardisten tasten sich vor zwischen den Gräbern. An der langen Mauer natürlichem Festungswall ziehen sie sich auseinander. Die Zugführer dahinter. ›Nieder!‹ – ›Ruhen!‹ Und der Riesenkerls gewaltige Bauernglieder strecken sich auf Steinplatten wie grasigem Hügel und lehmig harter Erde. Oben die Lebenden, unten die Toten.

Die Gardisten stemmen das Kinn in die schwielige Hand. Gewehr im Arm, die Knie auseinanderfallend, schließen sie die Augen, nicken ein, träumen von Muttern, vom Feld daheim, das sie lassen mußten, ehe denn die Ernte kam. Wie steht das Korn? Wie das zweite Gras? Wer wird es mähen? ,Es ist ein Schnitter, der heißt Tod!'

Der blutjunge, weißblonde Leutnant, mit weißen Wimpern, kein Haar am Kinn, steht, prall in seine Uniform geschnürt, auf dem höchsten Grabhügel, denn er ist nur ein kleines Kerlchen, um über die Mauer zu spähen. Er rührt sich nicht, das Einglas im linken Auge. Der Fähnrich, hinter dem nächsten Zuge, ragt bei seinen sechseinhalb Fuß über die steinplattenabgedeckte Mauer, ohne auf einen Grabhügel zu treten. Drüben dem Vizefeldwebel mit dem mächtigen, struppigen roten Bart blinken Kriegsdenkmünzen, bei Düppel geholt und Königgrätz, auf der Brust.

Unbeweglich starren die drei. Unbeweglich steil der Hauptmann. Nur manchmal läuft sein Blick über die Schläfer längs der Mauer. Lasset sie ruhen, wie die Reihen unter ihnen, die der Rasen deckt, lasset sie ruhen! Steinern steht der Hauptmann zwischen den Grabkreuzen und wartet, bis auf der leise atmenden Erde der Tag erwacht, drüben auf den Höhen, hinter denen gestern nach unentschiedenem Gefecht todesmatt der Feind sich gelagert.

Der Hauptmann träumt. Er denkt an seine braven Leute, die gestern den Tod starben, den herrlichsten auf Gottes schöner Erde, den Tod fürs Vaterland. ›Fallen wie Kräuter im Maien.‹ Er denkt an seine Offiziere, neben ihm geblieben beim vergeblichen Angriff auf den hochgelegenen Kirchhof, den sie eben nächtlich besetzt, da der erschöpfte Gegner ihn geräumt. Der Hauptmann denkt heim. Er ließ eine junge Frau zurück. Wochen kaum vor der Kriegserklärung wurde sie sein. Er greift an seine Brust, wo unter dem Waffenrock ein kleines rundes Bildnis hängt. Er hält es umfaßt. So steht er unbeweglich.

Aus tiefem Dunkel klärt mählich sich der Himmel. Fahl schauen jetzt die Dächer herauf von der Senkung, in der das Dorf liegt. Der Hauptmann mustert die Reihe der Schläfer an der Kirchhofswand. In langer Reihe hocken sie, Gewehr im Arm.

Aber da…? Wer liegt da? Rot die Hose? Ein Franzose mitten unter den Gardisten? Und sie rühren sich nicht? Und da, noch einer. Drüben eins, drei – fünf – zehn … zwischen den Gräbern. Hebt keiner die Hand gegen die Preußen? Wacht keiner auf?

Der Hauptmann wendet sich um, wie das Licht steigt. Da, hinter ihm, steht die weiße Mauer der Kirche, da lehnen sie, ruhen sie, schlafen sie den ewigen Schlaf, die Rothosen, wie die da unten unter der Erde, in langen engen Reihen, Mann an Mann. Nun haben auch die Zugführer die Gefallenen erblickt. Dem Vizefeldwebel zuckt kein Nerv. Er kennt's von Schleswig wie Böhmen. Täglich Brot des Krieges. Der kleine Leutnant läßt zwischen den weißblonden Wimpern die Augen wandern, starr durch das dicke, eingeklemmte Glas. ›Verflucht‹, brummt er. ›Verflucht‹ ist alles, was er gestern sagte, als er hinter seinem Hauptmann in den Hof drang, wo die Leichen geschichtet lagen, wo der Stolz der Garde fiel.

Der lange Fähnrich aber starrt einem Linienoffizier ins Gesicht, dicht zu seinen Füßen, der ihn wieder ansieht, seltsam-grausig, ohne die Lider niederzuschlagen – aus verglasten Augen. Und der Reihe nach erwachen die Gardisten, erblicken ihre Nachbarn, die toten Franzosen, eindoubliert zwischen sie wie eine verstärkte Schützenkette. Und die Preußen stehen auf, einer nach dem andern, packen zwei und zwei die Leichen, tragen sie ein Stück zurück, werfen sie irgendwohin zwischen die Gräber. Werfen – zum Legen ist keine Zeit. Platz den Lebenden, noch Lebenden, über den Toten, vor den Toten.

Steil steht der Hauptmann, die linke Hand am Waffenrock, wo die Kapsel mit dem Bilde ruht, in der Rechten das Glas.

Und es wird Tag. Rot ist der Himmel entzündet. Wie Blut. Blut wird der Morgen kosten. Blut über den blutigen Mittag hin, bis zum blutigen Abend, wenn die Sonne das Firmament von neuem färbt, gleich Blut, warmem, dampfendem Menschenblut.

Noch liegt Schweigen über der erwachenden Erde. Drunten im Dorf, das die Patrullen abgesucht, ist alles Leben erstorben. Die Höhen hinan in den Weinbergen Totenstille. Kein Tier blieb in den verlassenen Häusern. Kein Vogel singt im Herbstlaub dem jungen Tag entgegen. Der Kanonen Gebrüll, der Gewehre Geknatter trieb alle lebende Kreatur davon. Hier atmet nur die Brust der Sieger, denn Sieger wollen, Sieger werden sie sein, ob im Leben, ob im Tode!

Da gibt der Hauptmann einen Wink: ›Auf!‹ Die Köpfe tauchen über den Mauerrand. Todbergende Läufe strecken sich dem Feind entgegen. ›Geladen!‹ Leise klappern die Schlösser. Alles wieder still. Man hört den Atem der Menschenbrust. Hell wird es und heller.

Plötzlich: Bumm – – Bumm. Kanonendonner. Puff – ein Schuß. Das Echo von drüben. Puff – Puff – Puff, und Bumm – Bumm – Bumm. Eine Salve peitscht hin wie ein Schlag. Schützenfeuer – trtrtrrrrrrr, gleich Trommelwirbel. Drüben auf den Hügeln steigen Wölklein auf. Patsch – hinter den Gardisten schlägt es an die Kirchenwand, daß der Kalk spritzt: verirrte Chassepotkugeln. Und dann ununterbrochen: Bumm – Bumm, ratsch – puff – trrrrrrr. … Die Höhen drüben beginnen zu leben. In den Weingärten blinkt es: rote Hosen, rote Käppis. Weiße Dampfwolken schweben darüber. Eine Kolonne wälzt sich herab. Hui, wird die empfangen!

Dunststreifen ziehen hin, lagernd über den Hängen. Geknatter und Geprassel und Getöse. Schmettern und Gellen, Dröhnen und Donner. Hornruf. Trommelwirbel. Durch das Toben gellt lächerlich klar ein grelles, näselndes Kommando.

Der Hauptmann winkt die Zugführer heran. Deutet ihnen das Ziel. Das Einglas blitzt hinüber, des langen Fähnrichs helle Augen, des Rotbarts drohende, die schon so oft den Tod erblickt. Und alle vier mustert vom Boden der tote französische Offizier aus schwarzen, glasigen Augensternen.

Mit einem Male richtet sich der Hauptmann hoch auf. Er läßt die Hand von der Brust: versunken Weib und Weichheit vor Kampf und Krieg. Mit heller Mannesstimme gellt sein Kommando: ›Legt an!‹ – ›Feuer!‹ – Dumpf kracht die Salve.

Echo von der Kirchenwand. Der Pulverdampf, weit hinaus ins Leere über das Dorf getragen, schlägt, vom Wind erfaßt, zurück. Wickelt die Schützenreihe ein, während die Schlösser rasseln beim ›Geladen!‹ Die Wolke ist verblasen.

›Legt an!‹ – ›Feuer!‹ kommandiert der Hauptmann. Auf der Grabplatte steht er, die Absätze geschlossen, wie in Potsdam im Dienst vor der Kompagnie.

Drüben stockt das Feuer. Aus den Weingärten verzieht sich der Rauch. Keine neuen Pulverwolken steigen, als schwiegen sie verblüfft ob des neuen Angriffs. Die dritte Salve kracht. Nun: Schützenfeuer. Da stehen die Kerls längs der Mauer, just hoch genug zum Armauflegen, zielen kalt und ruhig wie auf dem Schießstand. Die drüben haben sich gefaßt und senden Antwort. Doch ihre Kugeln gehen zu hoch. Sie pladdern in die Kirchenwand. Kalk rieselt nieder.

Aber da, was ist da? Droben, wo die Höhen jetzt scharf gegen den Himmel stehen, fahren Geschütze auf. Wie sie in die Feuerstellung jagen! Die Protzen machen kehrt. Nun im Bogen herum. Zurück. Von der Helle abgehoben, sieht man Männchen richten, laufen, holen, zurücktreten. Rasch zieht einer die Zündschnur ab. Feuerstrahl. Weit rollt die Dampfwolke vor. Gerade dem Kirchhof entgegen. Patsch, Krach, Prarrarra … die Ziegel poltern unten im Dorf von den Dächern. Zu kurz! – Bumm, tönt das Echo.

Und die Gardisten feuern weiter. Steil steht der Hauptmann.

Nun wieder drüben auf der Höhe: Blitz. Rauchwolke. Sssssss. Rrrrrr. … Übers Kirchendach. Ganz knapp. – Bumm, das Echo.

›Die große Gabel!‹ ruft der lange Fähnrich, als hätte er's auf Kriegsschule eben gelernt. Steil steht der Hauptmann.

Zum drittenmal: Blitz! Bautz, Krach, bumm-bumm. Tief unten an der Mauer platzt die krepierende Granate. Gefreiter Jürgen beugt sich spöttisch vor, wie der Anzeiger auf dem Schießstand, zu zeigen, wo der Schuß gesessen.

Steil steht der Hauptmann.

Da blitzt es wieder. Ssssss. Über die Köpfe kommt der eiserne Gruß gezogen, so nahe, daß man den Luftzug spürt.

Im Winkel an der Kirchenwand, wo die Toten liegen, wirft die Granate ihren Trichter auf. Bu-u-u-mm! Erde, Kugeln, Sprengstücke fliegen.

›Det war die kleene Jabel‹, sagt der Vize.

Steil steht der Hauptmann.

Und wieder leuchtet drüben ein Feuerschlund. Die Gardisten bücken sich.

›Verflucht. Der sitzt!‹ meckert der kleine Leutnant. Er grinst durch seine Scherbe. Eins – zwei – drei – vier. Da ist auch schon der Eisengruß. Sssss. Rrrrr… Bumm. Er kämmt die Mauer. Ziegel, Platten, Steine fliegen. Zwei Gardisten regungslos, kopflose Rümpfe. Mitten im Streuungskegel steht der Leutnant. Stand. Liegt auf einem Grabe, über dem, der drunten modert. Zerfetzt, zerrissen! Hat sich nicht gequält. Das Einglas hängt ihm noch im Auge. Hilft ihm nichts mehr. Der blonde kleine Kerl sieht nie wieder.

Steil steht der Hauptmann.

Doch nur einen Augenblick. Rechts, seitwärts der Schützenlinie, hebt sich eine Grabplatte, höher, stolzer als die andern. Mit einem Sprung steht der Hauptmann oben, und sein Fuß deckt den Namen ›Maréchal de France‹. Wie kommt der her? Alle Augen blicken auf den Hauptmann: wie er hinüberstarrt zur feuernden Batterie, die Absätze geschlossen, als übte er in Potsdam im Kasernenhof die Kompagnieschule.

Da, drüben: Blitz!

Der Hauptmann hebt den Säbel. Hell mit lauter Mannesstimme schallt das Kommando, während die Waffe sinkt: ›Nieder!‹

Und seine Kerls tauchen unter. Kaum sind die Köpfe fort, kommt die Granate, kämmt die Kirchhofsmauer, prasselnd streicht sie Steine fort, streut ihren tödlichen Regen zwischen die Gräber bis zur Kirchenwand, wo die Sprengstücke, Vögeln gleich, die sich am Fenster den Kopf eingerannt, im Fluge gebrochen, platt zu Boden fallen.

Schon sind die Leute wieder auf. Schicken: Paff- paff-trrrr die Antwort, ruhig, ohne Blinzeln. Der Hauptmann wacht ja doch für sie, den Blick zur Höhe. – Blitz! Hei wie der leuchtet gegen die dunkle Wetterwolke. Eins – zwei – drei – vier – wird die Granate da sein. Hoch fährt der Säbel. Grell klingt durch all das Tosen, Krachen, Knattern des Hauptmanns: ›Nieder!‹ Alle liegen gedeckt. Nur er steht steil, jedem sichtbar wie ein Riesengrabkreuz, den Säbel ausgestreckt, die Absätze geschlossen, auf dem Grabe des Marschalls von Frankreich. Keine Wimper zuckt. Und immer gellt sein Kommando durch das Brüllen der Schlacht, während neben ihm die Granaten die Mauer kämmen: ›Auf – Nieder – Auf – Nieder!‹

Schon ist ein Teil der Kirchhofsmauer abgedeckt. Die Leute ducken sich platt, dicht an den schützenden Steinen. Nun schon die Beine eingezogen, denn hie und da bleibt einer liegen mit blassem Gesicht, die Hände auf der Brust verkrampft, von abgeprellten Granatsplittern getroffen.

Steil steht der Hauptmann. Hell klingt sein ›Auf!‹ – sein ›Nieder!‹

Der Feldwebel kommt, den Hauptmann abzulösen. Er bittet, er fleht. ›Nein!‹ Ein Blick trifft den Feldwebel, ein Blick, der ist Befehl. Da: Blitz, und noch einmal so gewaltig klingt das Kommando: ›Nieder!‹

Lange steht der Hauptmann. Steht frei, ungedeckt, zu sehen, zu schützen, zu decken – die andern. Sprengstücke surren, Mauerteile spritzen umher. Steil steht der Hauptmann. Immer tönt sein Kommando. Schon schweigt dort oben ein Geschütz: die Bedienung fehlt – schon krepieren deutsche Schrapnelle über der feindlichen Batterie und speien einen Eisenregen darüber hin – da tönt wieder die helle Mannesstimme: ›Nieder!‹ Eins – zwei – drei – vier. Die Granate kämmt die Mauer. Prrr … spritzen die Steine – Bumm.

Alles still. Die Gardisten warten. Kommt kein ›Auf‹? Ein Vorwitziger steckt den Kopf über die Mauer. Wo ist der Hauptmann? Der Vize erhebt sich. Wo ist der Herr Hauptmann? Immer länger wächst der Fähnrich empor. Wo ist der Hauptmann? Er läuft auf den rechten Flügel. Der Hauptmann steht nicht mehr da. Lang ausgestreckt liegt er auf dem Grabe des Marschalls von Frankreich. Unten der Tote. Oben ein Toter.

Wer warnt nun: ›Nieder!‹, wenn der Blitz drüben dort leuchtet? Der Fähnrich reckt sich empor, wie sein Hauptmann die Absätze geschlossen, in alter preußischer Manneszucht. ›Auf!‹ tönt sein Kommando. Dann starrt er hinüber und wartet auf den Blitz. Wartet … Die Feuermünder schweigen. Wartet. … Blauröckige Dragoner rasen in die Batterie hinein. Wie man die Pferde gegen den Himmel sieht und die zum Hiebe niedersausenden Klingen!

Und die Gardisten senden, sicher zielend, den Tod in die Weingärten drüben.

Der lange Fähnrich will seinem Hauptmann helfen. Wasser. Besser legen. Irgend etwas. Er faßt seine Hand. Er neigt sich zum Ohr. Er öffnet den Waffenrock über der zerschossenen Brust: die Kapsel, das Bild seiner jungen Frau, ist hineingerissen in die blutige Höhle. Der junge Mensch, vorzeitig aus dem Kadettenkorps entlassen, da das Vaterland jeden braucht, weicht zurück mit starrem Gesicht. Wie in Ehrfucht faltet er die Hände vor dem, der sein Hauptmann gewesen, der den schönsten Tod gestorben ist auf Gottes ganzer weiter, blühender Erde, den Tod fürs Vaterland. In all dem Toben der Schlacht, während jubelnd herüberklingt das Signal ›Avancieren‹ und das brausende ›Hurra‹ stürmender deutscher Soldaten, spricht er die einfach-alten, ewigen Worte: ›Vater unser, der du bist im Himmel!‹

Jeder hatte gefühlt, der Hauptmann, von dessen Tod sie erzählt, war ihr Mann gewesen, und aller Augen ruhten nun bewundernd auf der Frau, die aus tiefstem Leid ihrer Seele sich emporgefunden zu stolzem Angedenken. Oberstleutnant Runge wandte sich zu ihr gedämpft, als solle die Frage allein für sie bestimmt sein:

»Und Sie haben gerade den Beruf erwählt, der Ihnen täglich nur der Verwundeten Qualen vorführt?«

Ganz einfach gab die junge Witwe zurück:

»Um sie zu lindern, Herr Oberstleutnant. Ich stehe völlig allein auf der Welt. Ich muß fühlen, daß ich nützlich bin, sonst …«

Sie senkte die gerade Stirn über der feingeschwungenen Nase:

»Wenn ich ohne Tätigkeit meinen Gedanken nachhinge, könnte neben dem Stolz über den Soldatentod meines Mannes am Ende der Mensch die Oberhand gewinnen, der sein Einziges verloren hat!«

Man hörte bei der Stille das leise Prasseln der Scheite im Kamin. Der Oberst, dem weiche Stimmung nicht lag, küßte der Gräfin wie im Mitgefühl die Hand, dann schnitt er alle Wehmut ab:

»Nun, meine Herren, wer fährt fort?«

Die Tafelrunde blickte sich um. Unwillkürlich lehnte man sich im Halbkreis vor. Niemand schien beginnen zu wollen. Oberst von Kranich musterte die Herren der Reihe nach. Plötzlich sagte er zum Zahlmeister Lattmann:

»Wie war's, wenn wir einmal ganz was anderes hörten? Nicht von Tod und Wunden, sondern von Sold und Verpflegung! Lieber Lattmann, erzählen Sie doch mal 'n Schwank aus Ihrem Leben!«

Der Zahlmeister erhob sich halb und ließ sich wieder nieder, offenbar in hohe Verlegenheit versetzt. Er könne nicht sprechen, meinte er, außerdem fiele ihm wirklich nichts ein.

Wie Oberst von Kranich nicht litt, daß einer sich aus dem Kreise der Tafelrunde stahl, wie er auf den Oberstleutnant deshalb zu sticheln pflegte, so gewann es den Anschein, als sähe er in der Weigerung etwas wie Spielverderben.

Da trat der Regimentsadjutant, der bei mancher Zusammenarbeit den Zahlmeister hochachten gelernt, in die Bresche:

»Gestatten Herr Oberst, daß ich etwas von Verpflegung, Requisition und solcherlei zum besten gebe?«

»Natürlich, lieber Heydrich!«

Oberst von Kranich rieb sich befriedigt die Hände, öffnete ein paar Knöpfe der Uniform, zog ein Zigarrenetui und entzündete behaglich sein letztes rauchbares Kraut. Zahlmeister Lattmanns Gesicht aber verschwand erleichtert aus dem Lichtkreis des Feuers in den Tiefen seines Stuhles.

Und der Adjutant hub an mit einem Schmunzeln, gleichsam in bewußtem Gegensatz zu der schönen und tapfern Frau, die im Ernst ihrer Erzählung nicht zu überbieten schien. Er sah dem Vorgesetzten dabei nicht ins Gesicht, sondern schien sich an die Leutnants zu wenden, als könne er so leichter seinen unbekümmerten Ton festhalten:

Vom Gefreiten Mucke.

Damals stand ich nämlich noch bei der neunten Kompagnie. Mir fielen die Requisitionen zu, dank der Bonne aus dem Canton de Vaud, die mir im Beginn meiner Erdendienstzeit Französisch beigebracht hat. Ich mußte so grundsätzlich Freßkolonnen in Bewegung setzen, daß ich mich fast schon zum ›Guß‹ (Train) versetzt wähnte. Da es nun aber bereits die ruhigere Zeit war nach Sedan, dachte ich: immer noch besser als ›Griffe kloppen‹! Und allmählich entwickelte ich 'n kolossalen Ehrgeiz. Wenn ich nicht mindestens … na sagen wir 'mal für ›Gigot Soubise‹ in unserm Lustlager gesorgt hatte, fühlte ich mich sozusagen als Soldat zweiter Klasse.

Ich darf aber nicht verschweigen, daß ich einen Adjutanten mitbekam: Herrn Mucke. Bei der Kompagnie: Gefreiter Mucke. Auf Requisition: Monsieur Mouqué. Gottvoller Kerl. Unbezahlbar. Seines Zeichens eigentlich Faßbinder, war er alles gewesen, was ein Christenmensch nur werden kann: Schiffskoch, Tischler, Hausdiener, Kuhhirt, Marktschreier, Postbote, Coupletsänger, Fleischerbursche, Straßenkehrer, Kulissenschieber, kurz, so viel ›von Profession‹ etwa wie 'ne ganze Kompagnie. So kam es, daß er immer Rat wußte. Bei Saint-Jean-la-vallée, als wir die böse Stunde im Granatfeuer standen und uns verschossen hatten, weil die Munitionskolonnen nicht über die Bronne kamen, trieb er in einem großen Pachthof Ochsenseile auf, fabrizierte eine ›Gierfähre‹, wie er's nannte, und zog in einem Maisbottich Patronen über das reißende Wasser. Und dann bei unserer berüchtigten Biwakswoche, als wir in den Kartoffelfurchen lagen, in denen das Wasser fußhoch stand, wer hat da den Kerls die Laune erhalten: Herr Mucke. Jeden Abend sang er ›eigene Grütze‹, wie er's nannte. Es hat die Runde gemacht in der ganzen Armee. Keiner hat 'ne Ahnung, von wem das schöne Lied ist: ›Bei Sedang, bei Sedang, da jing et schief‹ – von Herrn Mucke! Oder: ›Lulu, willste Pulver riechen?‹ – von Herrn Mucke. Er gewann das Vertrauen aller alten Weiber, die etwa in den Dörfern zurückgeblieben waren, wickelte den Maire um den kleinen Finger, kriegte den Pfarrer herum, lackierte den pfiffigsten Bauer. Dabei konnte er nur ein paar Brocken Französisch, und die verstand keiner bei der Aussprache!

Nun werden Sie fragen: wie verständigte er sich denn dann? Ganz einfach: durch sein rasend dummes Gesicht. Wenn Herr Mucke mit offenem Maul, den Kopf zur Schulter geneigt, die Franzosen so treuherzig ansah, als könne er nicht bis drei zählen, dann hatte er sie alle in der Tasche. Wo wir hinkamen, machte er sich nützlich: dem Herrn Curé wichste er die Stiebeln, dem alten Brummkopf, der uns fahren sollte, machte er 'ne neue Peitschenschnur, den Weibern trug er's Wasser in die Küche, und wenn einer so recht verängstigt war, die ›maudits prussiens‹ möchten ihn sofort an die Wand stellen und füsilieren, machte Herr Mucke ein so verboten dummes Gesicht, daß es den Bangebüxen klar wurde wie Kloßbrühe: nee, alles ist denkbar bei diesen Barbaren, aber der kann keinem den Hals umdrehen.

Und gerade das verstand er aus dem FF. Als könnt' er kein Wässerchen trüben, fuhr er durch die Gefilde Frankreichs stramm neben mir. Gackerte es aber irgendwo, hu jeh, da konnte mein Mucke die Lauscher spitzen! Und rannte dann gar so 'n dummes Viech direktionslos vor dem Wagen flüchtend über den Weg mit seinen erschrockenen kreisrunden Augen, turkelnd die Beine hinten hinausgeschleudert: gak … gak … gakakakak … war Mucke mit einem Satz unten, stürzte sich auf das Beest, das in höchsten Angsttönen kikrikite, hatte es gepackt, daß die Federn nur so stiebten, drehte ihm den Hals um, und es verschwand ohne Sang und Klang unter der Wagendecke. Dann saß Mucke, der Mörder, da, mit seinem größten Schafsgesicht, als sei nichts geschehen … Wir aber hatten 'nen Braten.

Manchmal ging's übrigens nicht so glatt, sondern Herrn Mucke strich es der Länge nach hin in den Straßendreck. Aber – und das gehört auch zu seinem Bilde: er hatte stets 'ne Kleiderbürste. Ließ es trocknen und bürstete sich ab. Immer trug er einen tadellos gezogenen Scheitel, immer war er rasiert, auch nach zehn Stunden Gefecht. Kamm und Rasiermesser, alles besaß der Kerl. Ich glaube, wenn ich ihn gefragt hätte:

›Mucke, haben Sie nicht zufällig 'nen Ichneumon bei sich?‹ – ›Zu Befehl, Herr Leutnant‹ – er hätte ihn weiß Gott aus der Tasche geholt.

Dieses liebe Tier, das, wie man behauptet, den trefflichen Krokodilen die Eier stiehlt, bringt mich auf Eier. Wenn man nur daran dachte, hatte Herr Mucke ein Dutzend. Die gewöhnliche Annahme: ohne Huhn kein Ei, machte er völlig unhaltbar. In Gegenden, wo es weit und breit keine Hühner mehr gab, trieb er Eier auf. Sein Geheimnis war ganz einfach: Wir suchten nach versteckten Vorräten an möglichst ungewöhnlichen, entlegenen Stellen. Damit überschätzten wir aber den Witz französischer Bauern. Herr Mucke dagegen hielt sich vor allen Dingen an den Flur, an die Wohnstube, klopfte die Wände ab, hob Dielen auf, tastete mit einer Stange im Kamin hinauf in die Esse, durchsuchte Schränke und fand mehr als wir in Keller, Stall und Boden, nämlich Eier in Kalk oder Häcksel, Schinken, Wein, Schnaps. Jeder neue Anstrich, jeder zu blanke Nagel, abgesplittertes Holz, lockere Erde vor dem Haus – alles erregte seinen Verdacht.

War aber gar der Besitzer selbst anwesend, hatten wir gewonnen Spiel. Herr Mucke schlich, vom bangenden Bauer gefolgt, windend wie ein Hund umher. Und immer sah er dabei mit seinem guten Bähschafsgesicht den Bauer an. Zuckte dem auch nur ein Lid, blieb Herr Mucke sofort stehen. Wie beim Ostereier suchen, wenn Mama Klavier spielt. Leise … hier ist nichts. Lauter … man kommt näher. Fortissimo … >es brennt<.

Einmal waren wir beim Maire, dem größten Bauer des Ortes. Nicht mal zu essen gab's! Keinen Hühnerknochen! Der arme Mann hatte keine Milch, keine Butter, denn nicht eine Kuh stand in seinem Riesenstall. Vergeblich kloppte Herr Mucke die Wände ab – nichts zu hören. Da, als ich mit dem Bauer im Hausgang noch unterhandle, während mein Requisitionsadjutant >auf Patrouille< gegangen war, >muht< es plötzlich ganz laut. Der Bauer wird leichenblaß! Ich mit ein paar Sprüngen zum Stall. Der Bauer hinter mir drein. Ich siegesgewiß. Er immerfort rufend: >Impossible! Impossible!< Und der verfluchte Kerl hatte recht: kein Kuhschwanz zu sehen. Statt dessen steht Herr Mucke mitten im leeren Stall, puterrot, und muht – muht, viel besser, als 'ne Kuh überhaupt muhen kann. Der Maire, nun wieder ganz groß, hält sich den Bauch vor Lachen und ruft, so recht von oben herab: ›Sehen Sie, Herr Leutnant! Das sind nicht meine Kühe!‹

Doch Herr Mucke reißt nochmal das Maul auf, breit wie 'n Wiederkäuer, und brüllt sein ›Mu – uh!‹ daß ihm die Adern nur so wie die Gewehrläufe heraustreten. Und siehe da, dumpf, wie aus weiter Ferne, klingt die Antwort: ›Mu – uh!‹

Der Maire taumelt, als ob 'ne Granate durchs Dach geschlagen wäre. Herr Mucke aber sagt grinsend zu ihm: ›Aber dat sind deine Kühe, du oller Lügenpeter!‹

Und dann zu mir: ›Die haben jleich die Verwandtschaft rausjehört, Herr Leitnant!‹ Aber der Maire schwor Stein und Bein, es sei nur das Echo gewesen. ›Echo!‹ rief Herr Mucke und begann abermals zu muhen, daß ich wirklich meinte, ihm würden die Halsschlagadern platzen. Da klang ein so kläglich freudiges Gebrüll, als sei der ganze Kuhstall los. Und jetzt hatten wir's heraus: aus der Erde schien es zu kommen. Sofort lag Herr Mucke mit dem Ohr am Boden. Der Bauer stand da, weiß wie die Wand. Mucke aber nahm eine Mistgabel und rannte spornstreichs davon. Ein paar Minuten darauf, während ich vergeblich versuchte, dem Maire das Geheimnis des Versteckes zu entlocken, kehrte er zurück:

›Herr Leitnant, ick hab's raus. Vorn im Keller is 'n Holzboden. Da habe ick die Bohlen ufjamacht, weil's so warm rufjestänkert kam. Da drunter is noch 'ne Etage. Dort sind sie. Wie die man bloß da runter jekommen sind! Zwanzig Stück mindestens stehen da unten.‹

Er hatte recht. Wissen Sie noch, meine Herren, die großen Keller, die wir in der Champagne fanden? So einer war's. Offenbar eine natürliche Höhle. Rätselhaft schien nur eins: wie sie das Vieh da hinuntergebracht hatten. Natürlich mußten wir das rauskriegen, denn auf dem gleichen Wege sollte es zurück. Gab es eine geheime Treppe? Hätte am Ende auch keinen Sinn gehabt, denn wie die störrischen Biester die Stufen hinunterschaffen? Oder gar eine Rampe? Höchst unwahrscheinlich. Da nahm ich denn den Herrn Maire ins Gebet. Der schwor, er würde die Wahrheit sagen: sie hätten unten ein Strohbett gemacht und die Kühe einfach hinuntergeschmissen, und das log er mit ganz ernstem Gesicht. So'ne Unverschämtheit!

Ich fragte: ›Und was haben Sie denn mit denen angefangen, die sich's Genick gebrochen haben?‹

Er jammerte:

›Ach, mein guter Herr Leutnant, die haben wir alle schlachten müssen!‹

›Und was haben Sie mit den geschlachteten Tieren gemacht?‹

›Gegessen!‹

Herr Mucke hatte bei dem lebhaften Gebärdenspiel die Antwort erraten, und immer zu Ulk geneigt, klopfte er dem dicken Bauer auf den umfangreichen Bauch.

›Ah so – daher der Wanst!‹

Aber es klang hart und durchaus nicht wie auf gemästetem Leib. Muckes Gesicht wurde lang. Er deutete auf zwei Spitzen, die aus der tief herabreichenden, geblähten Weste des Maire hervor standen:

›Herr Leitnant, da sind noch die Hörner!‹

Und wie auch der Bauer zurückwich, Herr Mucke ließ ihn nicht mehr los, bis er einen geradezu abenteuerlichen alten Schlüssel hervorzog, wie 'n Gewehrschloß groß. Ring und Bart: das waren die Hörnerspitzen. Haben wir da gelacht. Aber nun hieß es, den Eingang finden, und da war guter Rat teuer. Doch Herr Mucke meinte:

›Det wer'n wir schon fingern, Herr Leitnant!‹

Er fingerte es auch. Wie? Nun ganz einfach. Herr Mucke ging auf die Dorfstraße und blickte sich um. Drüben sank der Weinberg sachte nieder. Mucke blinzelte hinüber, aber er schien noch nichts zu entdecken, bis er mit einem Mal den Weg entlanglief, der zwischen den Reben hinabführte, immer die Augen am Boden. Seitwärts stand eine kleine offene Kapelle. Von der schien er sich gar nicht trennen zu können. Als ich ihm nun langsam in den schmucklosen Raum folgte und wir vor dem Altar standen, sagte er:

›Herr Leitnant, ick frage mir, wie kommt det Stroh, der Kuhmist an so'n heil'gen Ort?‹ Richtig, im Winkel vor dem Marienbilde waren trotz der Besenstriche vom Kehren, die man auf dem Estrich des Eingangs sah, Halme und Düngerspuren geblieben.

Mißtrauisch untersuchte ich den Altar mit seinen Glasvasen, in denen Papierblumen steckten. Nichts Verdächtiges war zu finden. Herr Mucke deutete, den Schlüssel in der Hand, auf die linke Wand:

›Herr Leitnant, da hat wat jestanden!‹

Richtig, eine hellere Stelle zeichnete sich ab, oben spitz zulaufend, etwa wie wenn man an einem alten Haus einen Zubau späterer Zeit abgerissen hat, die Dachlinie noch lange sichtbar bleibt. Im gleichen Augenblick schon lief Herr Mucke zurück in den kleinen Vorraum des Kirchleins, mehr ein Wetterdach. Richtig, da stand der Beichtstuhl. Da draußen? Mit einem Satz waren wir dabei ihn abzurücken. Wohl ganz unmöglich! Er war ja gewiß zu schwer! Doch was war das? Er rutschte ganz leicht zurück?

Nie habe ich Herrn Mucke so fröhlich gesehen wie in dem Augenblick, als er an der breiten Tür dahinter mit seinem Riesenschlüssel herumprobierte. O, wie die krächzte und sich stöhnend wehrte, aber Herr Mucke war schon im dunkeln Schlund dahinter verschwunden. Warmer Stalldunst schlug mir entgegen. Es zog förmlich aus dem Loch. Bald klang unten Jubelgeschrei und langgezogenes Muhen – fast so natürlich wie das des Herrn Mucke – das näher und näher kam. Nun tauchte er auf, eine Kuh zog er hinter sich her. Als sie ans Tageslicht kamen, umarmte er sie zärtlich:

›Nich wahr, Liese, int Loch runterschmeißen lassen wir uns nich! Wozu ooch? Et jeht ja 'ne richtige Chaussee runter.‹ Und die Kuh, freute sie sich nun so über den schönen deutschen Namen oder wollte sie sich dankbar zeigen, nach so langer Gefangenschaft die liebe Sonne wieder zu sehen, kurz, plötzlich streckte sie ihre breite, rauhe Zunge heraus wie 'ne schwarze Schnecke, die aus dem Haus kriegt, und leckte Herrn Mucke zärtlich über das ganze Gesicht. Wie er dastand, naßglänzend, besät mit einzelnen grünen Punkten von der letzten Mahlzeit des Wiederkäuers, als ob ihm einer 'ne Kräutersuppe übergeschüttet hätte, da machte er 'n Gesicht – meine Herren, dies Schafsgesicht war echt. Aber Herr Mucke faßte sich schnell wieder: er verbeugte sich vor seiner Kuh und gab ihr einen Klaps:

›Liese, du hältst mir woll vor 'ne Salzsäule?‹

Inzwischen waren die andern Leute des Requisitionskommandos hinzugekommen und förderten nacheinander fast zwei Dutzend Kühe und sogar noch ein paar Kälber ans Tageslicht.

›Et is der reene Viehmarkt!‹ meinte Herr Mucke, als die Tiere im Hof des Bauerngutes versammelt waren. Übrigens der Herr Maire war verschwunden. Unsere Kerls behaupteten, er habe sich zu seinen Kühen auf den Weg begeben, den er uns vorgekohlt, sei nämlich in das Kellerloch hinabgestürzt. Nun, wir ließen ihn laufen. Herr Mucke aber schob vorsorglich den Beichtstuhl wieder an seinen alten Fleck in der Kapelle. Die Tür wurde fein säuberlich zugeschlossen, der Riesenschlüssel dem Maire auf den Tisch gelegt, und Herr Mucke schrieb im Kreis dann mit Kreide:

›Le boeuf, der Ochs,
La vache, die Kuh,
Fermez la porte,
Die Türe zu!‹

Frédéric Mouqué de Berlin.

›Ochs‹ und ›Kuh‹ umschloß er mit einer gemeinsamen Klammer und setzte dahinter: ›futsch = perdu!‹

Dann marschierten wir feierlich ab. Die Kerls hatten den Kühen schnell geflochtene Kränze um den Hals gehängt, und Herr Mucke inszenierte eine Art ›Rückkehr von der Alm‹, indem er jodelte, – ob's richtig war, weiß ich nicht, denn ich bin nie in den Bergen gewesen – daß die französischen Kühe eigentlich ganz verdutzte Gesichter hätten machen müssen. Die Liese hielt er dabei umarmt, aber er schielte immer zu ihr und nahm sich verdammt in acht, denn vor dem Kuß mit Kräutersauce schien er höllischen Respekt zu haben.

Ja, ja, Herr Mucke war ein Mordskerl. War – meine Herren! Sein gutes, unbezahlbares Schafsgesicht ist ernst und stumm geworden. Fröhlich und doch ein ganzer Kerl – er war Gefreiter – tat er seine Pflicht als rechter preußischer Soldat. Wissen Sie, meine Herren, wer uns abends das Rheinweinlied sang? – Herr Mucke. Seine Mutter schrieb jenen Brief, den uns der Herr Oberst vor ein paar Tagen vorlas, jenen Brief, wie nur eine preußische Soldatenmutter ihn schreiben kann! Herr Mucke ist auf Requisition gefallen. Kopfschuß! Mitten in sein gutes, ehrliches Schafsgesicht hinein. Lorbeer kränzt seine Stirn. Eine einfache alte Frau weint um den Sohn. Wir weinen, denn sie weiß es noch nicht, daß wir ihn schon verscharrt haben, den Gefreiten Mucke, Monsieur Frédéric Mouqué, weiland Faßbinder, Schiffskoch, Tischler, Hausdiener, Kuhhirt, Marktschreier, Postbote, Coupletsänger, Fleischerbursche, Straßenkehrer, Kulissenschieber, Viehtreiber und Requisitionsadjutant.

Immer sehe ich ihn vor mir, wie er im Stall steht, mit herausquellenden Adern, und muht – muht, besser, denn je eine Kuh muhen gekonnt. Und die Liese leckt ihm dankbar das brave, ehrliche, dumme Schafsgesicht!

Meine Herren, das ist es, was ich Ihnen von Herrn Mucke erzählen wollte.

Die Herren, die dem Tod in diesen Monaten des Krieges fast täglich ins Auge gesehen, schwiegen nach den letzten Worten des Erzählers nur einige Sekunden. Dann klang Lachen, denn Heiterkeit war den angespannten Nerven vonnöten, gleich einem Gegengewicht. Bald drohte die Einzelerzählung in allgemeine Unterhaltung sich aufzulösen. Doch das schien nicht des Obersten Wille. Er rief mit seiner hellen Kommandostimme:

»Meine Herren …«

So eifrig waren die Mitglieder der Tafelrunde schon ins Gespräch verstrickt, daß niemand auf ihn hörte. Nun klang es lauter, gleichsam einen Widerspruch nicht duldend:

»Meine Herren …«

Man schwieg; nur noch das weiche Organ der Johanniterschwester tönte gleich leiser Beruhigung, daß man wohl begriff, wie ihr Zuspruch am Schmerzenslager die Verwundeten über ihre Qualen hinwegzutäuschen vermochte. Endlich war völlige Stille. Die Gräfin wandte ihren schönen Kopf dem Obersten zu. Der sprach:

»Meine Herren! Wir sind nur einmal so jung beisammen, wie der selige General Giesebrecht, unser einstiger Brigadier, zu sagen pflegte, also nutzen wir die Zeit. Vielleicht gibt der Herr Oberstabsarzt etwas zum besten …«

Er blickte sich um. Der Platz des Arztes war leer, und der Oberstleutnant erklärte, daß der Abwesende, just als Herr Mucke so fürchterlich zu muhen begonnen, vom Oberlazarettgehilfen abgerufen worden sei. An seiner Stelle ergriff der Johanniterritter das Wort. Er bedankte sich für die Gastfreundschaft, die er genoß, und erklärte, um sich einigermaßen erkenntlich zu zeigen, wolle er versuchen, etwas zum besten zu geben. Freilich könne er es den Herren nicht gleichtun, denn er sei nie Soldat gewesen: sie müßten sich also bescheiden. Dann starrte er schweigend in die verglimmende Glut des Kamins.

Schon wollte der Oberst, kein Freund von Umschweifen, ihn zum Thema rufen, als der Johanniterritter den dichten grauen Vollbart, den er sinnend mit der Rechten umgriffen gehalten, losließ, sich aufrichtete zur ganzen gebietenden Größe seiner hohen Gestalt und begann:

Vom verlorenen Sohn.

Nicht von jenem der Schrift will ich sprechen, nein, von einem, der mitten unter uns gewesen ist, meine Herren, wenn er auch vielleicht keinem von Ihnen begegnet sein mag. Kennen wir nicht alle jene frischen jungen Leute, denen das Leben aus den Augen lacht, die beide Arme zum blauen Himmel strecken und zur hellen Sonne jubeln: ›Erde, wie bist du schön!‹? Kennen wir sie nicht, die es nicht über sich bringen, am Becher nur zu nippen, sondern die ihn leeren müssen bis zum Grund? Mancher Kommandeur mag gestöhnt haben über sie, denn er schuldet Eltern wie dem Könige Verantwortung. Dem obersten Kriegsherrn, daß das Offizierkorps untadelig sei, den Eltern, die ihm den Sohn anvertraut, daß er nicht an den Klippen zu heiß gelebten Lebens vorzeitig zerschelle.

Und wie mancher junge Offizier ging nicht ›um die Ecke‹, wie wir es prosaisch nennen, nur weil er in übermächtigem Lebensdrang – es braucht nicht immer reiner Leichtsinn zu sein – sich nicht zu bändigen wußte. Ein Krieg im rechten Augenblick, und er bleibt der Armee und seiner Familie erhalten. Gerade jene – die Kommandeure wissen es – pflegen oft die besten Feldsoldaten zu sein, weil das Außergewöhnliche, das Riesenhafte, das alles Erschütternde eines Feldzuges ihrer lebensdurstigen, unruhigen Seele Wechsel, Beschäftigung, Abkühlung genug bietet. Ein langer, fauler Frieden – und sie sind unweigerlich verloren. Am Garnisondienst, an notwendiger Strenge und Einförmigkeit gehen sie zugrunde. Auch der königliche Dienst würde zugrunde gehen an ihnen. Darum ist es harte Notwendigkeit, sie auszuscheiden, wenn sie drohen, dem gesunden Körper der Armee verderblich zu werden.

Und dennoch, wenn man sie gehen läßt, mag man ihnen die Hand drücken zum letztenmal und braucht nicht in Bitterkeit von ihnen zu scheiden, sondern wird sprechen: ›Du paßt nur nicht in den Frieden, mein Sohn, denn das oberste Gesetz des Soldaten hast du dir nicht zu eigen gemacht, das da heißt: Selbstzucht!‹ Man wird einwerfen: gerade im Felde bedarf es doppelter Haltung. Gewiß, aber eben der Krieg kommt solchen Naturen auch doppelt entgegen, indem er den Indianerinstinkten ihrer Seele Nahrung gibt, indem er sie ganz anders in scharfe Schule nimmt als je der Frieden. Was ihnen daheim ein unnützer Zwang erschien, dem sie sich nur schwer oder gar nicht beugten, zeigt ihnen der Krieg als eiserne Notwendigkeit. Wie es Knaben gibt, die auf der Schule nicht guttun und im Leben später an erster Stelle stehen. Kommen uns nicht in jedem Berufe Männer vor, die zu Dingen der Theorie nicht Geduld haben, ja sie nicht fassen mögen, und wenn man sie vor die praktische Wirklichkeit stellt, wertvoller sich erweisen als jene andern, die sich am grünen Tisch als Helden gefühlt?

Wohl etwas lang mögen Ihnen, meine Herren, diese Worte vorkommen, die den Anschein erwecken, als wären sie schon halb die Geschichte, die ich erzählen will. Dabei brauche ich meine Gedanken nur in Fleisch und Blut zu kleiden. Denn solche Leute lebten und leben noch.

In der Rangliste stehen noch heute Hunderte von Namen, die einst den großen Friedrich umklungen. Namen seiner Generale, Obristen, Kapitäns, Leutnants und Junker, Namen mit Siegen wie ehrenvollen Niederlagen so eng verwebt, daß, wenn man sie nennt, vor unserer Phantasie die ›Potsdamer Wachtparade‹ mit klingendem Spiel anzugreifen scheint. Namen, derart mit dem Könige verknüpft, daß wir uns an den heutigen Träger förmlich erst gewöhnen müssen, denn unwillkürlich setzen wir ihn um hundert Jahre zurück. In diesen Familien wurde der Dienst Seiner Majestät förmlich zum ›Metier‹. Einer, der nicht das Portepee trüge, wäre beinahe aus der Art geschlagen. Diese Männer sind der Grundstock der Armee, auf ihnen fußt das Offizierkorps noch heute in Sitte wie Geist.

Ich denke nun an einen aufgeschossenen, schlanken Menschen. Körpermaß: erstes Bataillon Garde des großen Königs, an einen mit blauen, klaren Augen, dunkelblondem Haar und kleinem, hellem Schnurrbärtchen im von Luft und Sonne gebräunten Gesicht. Ein Gesicht, das ewig zu lächeln schien, über dem ein Strahlen lag wie endloser Feiertag. Jeden gewannen diese Züge, so einnehmend, so offen, daß man fühlte, wenn man sie nur sah: du bist von deinem Schöpfer in einer Feierstunde geschaffen. In diesem Menschen gab es keinen Hinterhalt, solche Seele hielt nichts verborgen zu ihrem Vorteil, sie gewann den Kommißstiebel wie den galligen Brummbär. Ein naives, sieben Schuh hohes, zwanzig und etliche Jahre altes Kind lachte aus großen klaren Augen, die alles bestaunten wie am ersten Tage. Seinem Kommandeur nach einer dienstlichen Meldung glückselig mitzuteilen, er habe draußen im Gras das erste Veilchen gepflückt – es dann aus dem Innern des Helmes zu holen, wo er es vorsorglich verwahrt, und es dem Obersten anzubieten wie der Jüngling dem errötenden Mägdelein – es ist geschehen. Dabei war jener Oberst kein Naturschwärmer und Zärtling, nein, bei Gott, nein – sondern ein Eisenfresser, dem die Natur kein Farbenauge geschenkt, dessen Herz der königliche Dienst in Reglements geschlossen hatte.

Und eben dieser Oberst nahm das Veilchen. Ja, er roch daran. Das erste, das er an die Nase geführt. Wird auch wohl nie wieder geschehen sein, bis zum heutigen Tage. Dieser Oberst, der bei einem andern die Veilchenepisode vielleicht mit Arretur beendet hätte, wischte sich fast verlegen ob solch unmöglicher Geschichte den grauen, endlosen Schnurrbart, wurde rot wie sein Kragen, schlug den Leutnant auf die Schulter und schrie ihn, dienstlich überwunden, menschlich gepackt, an, mit funkelnden Augen:

›Sie sind eigentlich ein doller Kerl!‹

Geschah dem Leutnant aber nichts. Gar nichts. Das konnte nur er, kein anderer. So war er.

Unmilitärisch bis in die Knochen wird man sagen! In die Knochen von gleicher Struktur wie die des Urgroßvaters, geblieben als Oberst beim Überfall von Hochkirch, des Großvaters, im Befreiungskampf gefallen, als wir damals wie heute vor Paris lagen, des Vaters, in langer Friedenszeit zwar zum ›Stadtsoldaten‹ geworden, wie er sich selbst zu nennen pflegte, doch 1864 noch zum Krüppel geschossen von dänischem Kartätschenhagel. ›Meines Lebens Ehrentag‹ nannte der alte Soldat jene Stunde, die ihn aus der Reihe der Fußgänger gestrichen, denn sie nahm ihm beide Füße. Und eben dieser alte Soldat mußte mit beißendem Kummer erleben, wie sein Sohn, sein einziger Sohn, den Weg ging der Unehre, den Weg, den noch nie einer geschritten, seit man von dem Namen wußte, den Weg hinaus aus der Armee. Ohne die Armee schien dem alten Herrn das Dasein ausgeschlossen, wie ihn die Armee unmöglich dünkte wenn nicht von seiner Familie in der Rang- und Quartierliste eine erkleckliche Zahl stand. Sie waren alle hin bis auf ihn und den Sohn. Zur Zeit des großen Friedrich hatten achtzehn ihres Geschlechtes einmal gleichzeitig gedient. ›Wenn ich tot bin, steht keiner mehr drin!‹ sagte der General. Das täte ganz anders weh, meinte er, als damals, wo er vor den dänischen Schanzen stundenlang mit seinen blutenden Stummeln gelegen, bis man ihn auflas.

Aber noch trug er ja, der Leutnant, den Rock des Königs, und ich muß erzählen, wie es geschah, daß er ihn verlor. Der dunkelste Tag seines Vaters, seiner Mutter, seiner Schwester. Denn nicht der General allein war Soldat, nein, Frau und Tochter fühlten gleich ihm. Des Leutnants Mutter, selbst ein Soldatenkind, hatte nie anderes gesehen als Soldaten, als Dienst. An ihrer Mutter wieder hatte sie den eisernen Trauring erblickt, den sie wie Tausende deutscher Frauen eingetauscht, indem sie all ihr bißchen Schmuck auf dem Altar des vom Korsen zertretenen Vaterlandes niedergelegt. Von ihrem Vater wußte sie es nicht anders, als daß die Frau Kameradin sei des Mannes, so er des Königs Rock trägt, in Entbehrung und Unterordnung. Einem andern zu folgen als einem Soldaten – undenkbar. Ihm brauchte sie sich nicht erst anzubequemen, denn sie dachte, wie ein Soldatenkind denkt. Höher hinauf als Freiheit und Reichtum! Wozu? Mehr Geld – Verweichlichung, Abkehr von Selbstzucht. Mehr Freiheit – Müßiggang, Laster Anfang. Und was tun? Was erstreben? Ihrem Manne hatte sie das einfache Essen bereitet, wenn er heimkehrte vom Dienst. Sie redete mit ihm vom Dienst, sie schwärmte mit ihm von Heldentaten und Soldatentod. Ihrer Familien Geschichten lasen sie an langen Abenden: schlugen mit dem Großen Kurfürsten Fehrbellin, bissen die Zähne aufeinander ob Friderici regis Not und Niederlage, richteten sich aber auf mit ihm von Schlacht zu Schlacht, von Sieg zu Sieg. Auf der Terrasse von Sanssouci sahen sie ihn sitzen wie einen Gott, und in Gedanken ließen sie den Säbel salutierend sinken. Dann empörten sie sich über Fall und Niedergang der stolzen Armee. Zornestränen weinten sie um Jena. Und blickten auf zum »Marschall Vorwärts«, der einen Namen trug wie sie, in Ehren, zahlreich, siegreich, in Preußens Heer.

Mit ihnen saßen abends zwei Kinder am bescheidenen Tisch. Der Sohn, der einzige Sohn, der den alten Namen in der Rangliste fortsetzen sollte. Stolz waren sie auf den Sohn, den lieben, einzigen Sohn. Daneben verschwand wohl ein wenig das Töchterlein, denn es konnte ja nicht in der Rangliste stehen. Von Kindheit an kannte die Schwester nur eins: den Bruder. Er war der verwegenste aller Bengel, der schönste aller jungen Leute. Alles, was sie dachte und sprach, mündete bei dem Bruder. Älter als er, hatte sie ihn mit aufgezogen. Ihr hatte er alles anvertraut wie dem besten Kameraden. Sie schaute in die letzten Falten seiner Seele. Und dem Bruder jedes Opfer zu bringen, war sie bereit. Daß sie zurückstehen mußte, erwartete sie nicht anders. Sah sie es nicht an der Mutter? Wie einfach ging die immer gekleidet neben Papa in der blitzenden Uniform. Wenn die Ausgaben besprochen wurden: Mama ein neues Kleid oder Papa den Waffenrock, weil bei der Parade die erste Garnitur verregnet war. Konnte es zweifelhaft sein? Gehörte nicht die Uniform zum Dienst, auf den das ganze Haus gestellt blieb? Papa mußte avancieren zu Ehren des Namens, zum Glück seiner Frau, die nur immer daran gedacht, ihn zum General zu bringen. Und da nicht gut angezogen sein? Vielleicht wäre bei der Besichtigung der durchschwitzte Kragen aufgefallen oder der nicht ganz frische Vorstoß!

Als echtes Soldatenkind beschied sie sich, daß für den Bruder alles aufgewendet wurde. Nicht anders erschien es ihr als beim Majorat, dem Sohne nur zufallend, während die Töchter zurückstehen mußten. Stand sie nicht gern zurück? Für den schönen, den lachenden, den strahlenden Bruder? Er hätte wie der Papa bei der Infanterie dienen müssen, das entsprach den Verhältnissen. Aber da fand es sich, er liebte Pferde so sehr. Sein Vater war kein Reiter, oft hatte ihm die mangelnde Fähigkeit sogar dienstlichen Verdruß bereitet. Die Gäule, die er sich halten mußte, gingen nicht unter ihm. Hatte aber der Bengel vorher darauf gesessen, zuerst nur aus Scherz im Stall vom Burschen daraufgehoben, dann mit halber Zustimmung, bald sogar auf Befehl des Vaters, so gehorchte der Schinder ganz anders. Sollte man derart ausgesprochenes Talent verkümmern lassen? Und nun kamen Bitten, Kämpfe. Ja, Kämpfe, denn eines Tages, als es im Kadettenkorps Arrest gesetzt wegen unmilitärischen Benehmens und Papa den Jungen hochnahm, erklärte der Sohn, der einzige Sohn, er sei überhaupt zum Soldaten nicht geeignet.

Es war nur Trotz, denn einer der Familie nicht Soldat? Doch es schlug ein. Papa wurde weich. Es traf ihn, als ob ein anderer sein Vermögen verlöre. Mama begriff nicht, die Schwester aber, die ihn am besten verstand, fühlte, was den schönen, den schlanken, den einzigen Bruder verdroß: nur Pferde konnten ihn mit dem Dienst, dem trockenen, ledernen, versöhnen. Papa sah es ein: Der Urgroßvater hatte beim Regiment Gensdarmes gedient, Großpapa – da hing noch das Bild, das schönste, das die nüchtern bescheidenen Räume zierte – Großpapa war Totenkopfhusar gewesen. Nur Papa mußte zur Infanterie. Der Junge sollte Reitersmann werden! Aber die Pferde und der hohe Zuschuß? Sie ließen alle drei die Köpfe hängen.

Doch der Gedanke bohrte in ihnen. Berechnungen wurden angestellt. Am Ende, wenn Papa erst Oberst war, dann vielleicht. Und wenn – wenn Ännchen … Ännchen brauchte nicht viel … Ännchen sagte es selbst. Eines Tages erklärte sie, da sie doch im Hause bliebe … könne der Bruder bessergestellt werden. Papa sah sie an, dem Vaterauge schien sie nicht übel. Verlangte sie nicht wie jeder arme Mensch den Anteil am Glück? Konnte es nicht sein, daß einer, der sie einmal zur Frau begehrte, das Kommißvermögen selbst nicht ganz besaß? Da hätte sie beisteuern müssen. Wurde aber für den Bruder alles vertan, so blieb ihr nichts. Mama sah den Sohn schon als Kürassier. So groß – Kürassier natürlich. Vor ihrem Traum verblaßte alles andere. Papa aber nahm Ännchen ins Gebet, Ännchen, die schon verzichtet. Er war weich dabei wie nie. Zwar sprach er von Tradition, ja sogar Pflicht dem Hause Hohenzollern gegenüber, dem sie nun so viel hundert Jahre gedient, zog aber doch die Tochter an sein Vaterherz und bat sie, sich zu prüfen, ernst zu prüfen, Herz und Nieren. Aber das Mädchen blieb dabei. Und der Sohn, der geliebte, einzige Sohn spann Pläne, machte große Worte, wie er sich einschränken würde. Da bewunderten sie seine Bescheidenheit. Der Reihe nach fielen sie ihm um den Hals, dem guten Sohn und Bruder.

So kam er zur Kavallerie, zwar nicht zu den Kürassieren, aber das Dragonerregiment an des Landes Grenzen war immerhin teuer genug. Und der junge Mann, entlassen aus der Zucht des Korps in Gottes ungebundene Welt, entlassen als Selektaner nun in die Freiheit des Offiziers, stand nach dem Dienst plötzlich mitten im Leben, das er nicht kannte. Zuerst dachte er an Daheim, Papa, Mama, Ännchen, die sich opferte für ihn; wie ein Fels ragte er in der Brandung und rührte sich nicht. Aber die Wellen leckten an ihm empor, und täglich spülten sie von dem Stein der Vernunft etwas davon, bis sie eines Tages über ihm zusammenschlugen. Als er einmal vom Baum der Erkenntnis genascht, aß er die süßen Früchte weiter.

Er war groß und gut gewachsen – sollte er in abgetragenen Uniformen gehen? Der Schneider redete ihm Zivil auf. Was er da trug, sei für einen so gutgewachsenen, schneidigen Herrn schlechterdings nicht möglich. Aber die Rechnung? Ach, es brauchte nicht gleich zu sein – vielleicht bei der nächsten Bestellung. Und dann kam ein Regimentsdiner. Der junge Offizier bedurfte wahrhaftig nicht des Weines, um in Stimmung zu geraten. Ihm hing der Himmel so schon voller Geigen. Mit einundzwanzig Jahren! Und einen spiegelglänzenden Fuchs im Stall und eine schnelle Braune, mit der er trotz seines Gewichtes das Regimentsrennen für Chargenpferde heute gewonnen? Und der hellblaue Rock mit dem roten Kragen, von dem die jungen Dächse unter sich behaupteten, es sei die schönste Uniform der ganzen Armee. Und hatte ihm nicht manch roter Mund schon mit sich öffnenden Lippen gestanden, daß er nur anzuklopfen brauchte, und es würde ihm aufgetan?

Und schlug nicht nach dem ersten Glase schon, auf das Wohl des Königs geleert, sein Herz? Strömte nicht nach dem zweiten und dritten auf gute Kameradschaft alle Lebensfülle ihm brausend durch die Adern? Und wie ihm dann der Rittmeister zutrank, leise drohend mit dein Finger, hieß das nicht: halte die Ohren steif, du leichtsinniger, junger Schnapper? Heute früh kamst du zum Dienst ganz verschlafen, aber wie du den Schinder, der nicht springen wollte, über die Hürde gebracht – bravo! Aus dir wird noch mal ein Reiter! Aber – bessere dich! Zucht, Ordnung, Pünktlichkeit, du Tausendsapperlöter! Immerhin, dein alter Schwadronschef kann dir nicht bös sein!

Sparen wollte der junge Kerl, nur leichten Mosel trinken, und eine halbe Flasche! Aber die Musik! Und all die braungebrannten netten Kerls! Huih! Siehe da, die Veuve Clicquot schäumt im Glase. Er wurde rot, als er auf der Weinkarte noch einmal den Preis las, aber Teufel, einmal lebt man nur! Prost! Prost! Prost!

Und dann ein Jeu! Plötzlich an einem Abend! Nach leichtem Schwips. Nur einem, der die Erdenschwere forthebt. Was ist das dumme Geld? Dreck! Aber, als alles verspielt war, schien es kein Dreck mehr zu sein. Und eines Tages, als er zahlen sollte, erst recht nicht. Mit schwerem Kopf kam er heim, zu beichten. Erst sagte er es Ännchen, denn nur sie war zu Haus, als er unerwartet erschienen. Die Schwester hielt sich erschrocken beide Ohren zu, als wolle sie das Entsetzliche nicht hören. Doch es half nichts Vogel Strauß spielen, und Ännchen tat sich zusammen, mit dem Bruder es erst einmal Mama beizubringen. Wie schön er war, der Junge! Wie die Uniform ihm stand! Und so frisch, so stark, wie ein junger Gott! Da ging denn mit der beiden Hilfe die Beichte besser vorüber, als der leichtsinnige junge Offizier gehofft. Papa donnerte zwar los, daß Ännchen ganz bleich wurde, aber wie sein Junge zu erzählen wußte, wo er alles gespart, wie geschickt er sich eingerichtet, und daß nur einmal, ein einziges Mal die Schwäche einer unseligen Stunde das Unglück verschuldet, da beugte Papa den grauen Kopf und sann ob der Entscheidung. Die andern warteten totenstill, den Atem angehalten. Der junge Offizier war bleich. Minuten verstrichen. Plötzlich fuhr Papa auf und öffnete beide Arme. Da lag auch schon der Junge, der einzige, geliebte Sohn an seiner Brust. Lange ließen sie sich nicht, Vater und Sohn. Dann saßen sie alle vier eng beisammen, und der Leutnant erzählte mit gedämpfter, ein wenig beschämter Stimme von allerlei Dienstgeschichten, vom Regiment, von den Kameraden. Sie horchten auf. Jede Kleinigkeit wollten sie wissen. Und immer mehr schwand der trübselige Ton, immer lauter, natürlicher wieder klang seine Stimme. Bald kamen Scherze, Ulk, Verwegenheit, Abenteuer, ja unerhörte Begebenheit, daß Mama und Ännchen große Augen machten. Papa schüttelte wohl den Kopf: ›Nein, nein, bei uns im Infanterieregiment ist das nicht möglich! Aber der Reitergeist! Nun ja, der Reitergeist!‹ Und allmählich fing Papa sogar an zu schmunzeln. Nun glänzten des Leutnants Augen, die jeden anblicken konnten ohne niederzusinken, auch die Exzellenz im Dienst, und die schönen Zähne traten lachend zwischen den Lippen hervor. Der junge Offizier sprang auf: jeden, von dem er erzählte, führte er leibhaftig vor, wie er ging und stand und sprach, daß die drei aus dem Lachen nicht herauskamen. Nur Papa wurde manchmal zwischen zwei Sätzen ernst. Sein Auge starrte zu Boden, als dächte er: wie deck ich die Schuld? Doch gleich war der Sohn wieder bei etwas, das den Vater interessierte: ›Nicht wahr, Papa, das ist so?‹ Es war Kavalleristisches zwar, doch Papa nickte ein wenig geschmeichelt und gab die Antwort, die der Sohn vielleicht besser wußte. Ännchen tat, als verstünde sie nicht, ließ sich belehren, zog den Vater ganz ab von trüben Gedanken. Und bald lachte wohl selbst Papa.

Als dann der Leutnant zurückfuhr in die Garnison, war er heiter, als gäbe es keine Schulden auf der ganzen Welt. Nur einen Augenblick wurde er wieder ernst, wie der Papa ihn umarmte beim Abschied und ihm ins Ohr flüsterte die heiße Bitte:

»Nicht wahr, mein Junge, du läßt es dir zur Lehre dienen? Das tust du mir nie wieder! Du weißt, wir haben es nicht!«

Der Sohn aber, der einzige, der geliebte, sprach, und dem schnell von Stimmungen Geworfenen wurden die Augen dabei naß:

»Nie, nie, nie wieder!«

Es war ihm Ernst. In der Eisenbahn auf der Rückfahrt zersann er sich den Kopf: wie sparen? Er nahm sein Notizbuch heraus und begann zu rechnen. Rechnen, das er nie gekonnt! Mathematik, daran er fast im Examen gescheitert. Dann ging er mit dem stolzen, sicheren Bewußtsein schlafen: am ändern Morgen begann ein neues Leben!

Eine Woche hielt es an. Dann blaute an irgendeinem dummen Tage der Himmel so unerhört, so süße Düfte zogen von den Gärten herüber, so würzig wehte die Waldesluft, und am Abend verblutete die alte Sonne sich in den Wolken voll so unglaublicher Farben, daß ihm das Herz pochte und die kleine Stadt zu eng ihm schien. Und weil es Sommer war und die Welt so bestrickend schön, nahm er sich vor, sie einmal, einmal nur anzusehen. Er kannte den Rhein nicht, von dem alle sprachen, nicht einmal die Umgegend kannte er, denn Reisen, Urlaub war teuer! Und doch war es so billig zu machen! So lächerlich billig, wenn man's nur richtig anfing!

Er flog aus über Sonntag. Und weil es so herrlich gewesen, den nächsten Sonntag wieder. Aber die Zeit war zu kurz, man mußte wenigstens über Nacht bleiben können. Also Urlaub genommen für Sonnabend und Sonntag. Einmal wurde er gewährt. Ein zweites Mal wieder. Beim drittenmal macht der Oberst ein bedenkliches Oesicht: ›Haben Sie keinen Dienst?‹

– ›Nein, Herr Oberst!‹ – ›Dann sollen sie sich beschäftigen! Für einen jungen Offizier gibt's mancherlei zu lernen! Stecken Sie Ihre Nase ins Reglement, in die Felddienstordnung! Lesen Sie …‹

Mit aller Unbefangenheit fragte der Leutnant, was er denn lesen sollte. Der Oberst wußte sich zuerst nicht zu fassen. Er wollte losschnauben, doch dies naive junge Gesicht entwaffnete ihn. Wirklich, wie einen Vater blickte es den Kommandeur an, treuherzig mit großen, fragenden Augen, daß der Gestrenge sich räusperte, brummte und schließlich Werke nannte: Kriegsgeschichte, Pferdekenntnis, Zuchtbücher, Reitlehre, Memoiren.

Der Leutnant entlieh sich allerlei aus der Regimentsbibliothek, aber er hatte nie lesen gekonnt. Wenn er nur ein paar Seiten durchblätterte, tanzten die Buchstaben vor seinen Augen, er bekam Kopfschmerzen oder schlief ein. Draußen dagegen im Dienst war er der Brauchbarsten einer: Reiten, reiten lassen

– das war sein Feld. Wenn beim Exerzieren die Schwadron über den Boden fegte, vor seinem Zuge angespannt auf die Kommandos lauern, weil jeden Augenblick eine Schwenkung kommen konnte, da stellte er seinen Mann. Mitten in den Staubwolken dahinjagen, wie die Schlachtjungfrauen im Gewölk, und lauschen auf die Signale, als ob der Blitz vom Himmel in die hundertfünfzig Pferde führe, das war Glück und Seligkeit. Und dann: weit dem Regiment voraus auf Patrulle den Feind bespähen, in endlosem Ritt, bei dem Mann und Pferd den letzten Nerv hingeben mußten – weit um die Flanken greifen – wer tat ihm das zuvor? Seine Meldung war zuerst da. Seine Meldung hatte sich noch immer als richtig erwiesen. Auf ihn bauten die Führer der Parteien, ihn baten sie sich förmlich aus.

Und das versöhnte Oberst und Rittmeister, mit dem es auch manchen Tanz gegeben wegen Unregelmäßigkeit beim Dienst. Aber Stiefelparade, wenn der Mai in den Kasernenhof lachte? Und Wachdienstinstruktion halten, wenn im Herbst die dampfende Erde zum Jagdritt lud? Da kamen die Ausflüge wieder. Auch ohne Urlaub. Und eines Sonntagsmorgens zur Kirchenparade war der Leutnant nicht da. Arrest. Nun bäumte er sich auf. Jetzt fuhr er gerade fort. Eines Tages war er davon: nur eine kleine Lustreise! Was war dabei? Mehr als eine Nase konnte es nicht geben. Aber schon fand er den Zettel mit dem Befehl, sich nach Rückkehr sofort beim Herrn Oberst zu melden. Da gab es wieder Arrest. Es war, als begriffe der junge Offizier die Strafe nicht. Über Sonntag? Er hatte nichts versäumt! Der Kommandeur fragte, ob er sein Unrecht einsähe? – ›Nein!‹ – ›Was, nein?‹ – Und der alte Soldat, sein Vorgesetzter, zugleich aber seinem Vater verantwortlich für die junge Menschenexistenz, geriet außer sich. Das war der Mangel an offiziersmäßigem Fühlen, das war Verständnislosigkeit für den Ehrenpunkt. Er schrieb an Papa. Der kam. Zuerst wollte er Partei nehmen für den Sohn. Er begriff das alles nicht. Dann brach er zusammen. Sein Sohn, sein einziger geliebter Sohn, für den sie alle Opfer brachten, für den sie darbten, sollte so weit sein, daß sein Oberst riet, einen andern Beruf zu ergreifen?

Angesichts des Vaters, der dreinschaute in seiner Uniform, als sei er irre, der da saß, er der vor dem Regiment so scharfe Mann, als habe er keinen Willen mehr, fiel der junge Offizier auf die Knie wie ein gefällter Stier und schrie laut auf im Jammer über solches, das er angerichtet. Er gelobte, sich zu bessern: alles sollte anders werden, ganz anders! Ein neues Leben würde er beginnen! Er stammelte, flehte, schwor, und der Vater glaubte ihm, glaubte, wie der Sohn selbst, glaubte, was er versprach.

Da erklärte der Kommandeur sich bereit, es noch einmal zu versuchen. Er tat es gern, denn er hoffte auf eine Wandlung, auch er konnte seinem besten Reiter, wenn auch unzuverlässigsten Diensttuer, seinem besten Patrullenführer, wenn auch ›unsichersten Kantonisten‹ nicht gram sein. Und der junge Offizier kämpfte mit sich einen ehrlichen Kampf. Aß Butterbrot und trank Wasser, hungerte und sagte, so oft es ging, im Kasino ab, das Mittagessen zu sparen. Er stürzte sich in den Dienst. In den Schwadronsstall lief er nachts, zu sehen, ob die Stallwachen auch nicht schliefen, die Mannschaftsstuben revidierte er, in die er sonst kaum einen Fuß gesetzt. Er ritt nach dem Dienst freiwillig beurlaubter Kameraden Pferde. Beim Fußdienst stand er, und wenn auch nur ein Mann nachexerzieren mußte oder zur Strafe mit seinen ungelenken Beinen die Kniebeuge machen. Finsterer wurde sein Gesicht im Kameradenkreise – wo blieb der Frischeste, Beliebteste des Regiments, der noch jeden in Stunden dienstlichen Verdrusses oder menschlichen Ärgers aufgeheitert? Wie ein Schatten schlich der junge Offizier einher, ja er verbiß sich förmlich in den Kommiß und kam sich bei unnötigem Abrackern als Märtyrer vor. Er gefiel sich darin, Trübsal zu blasen und sich abzuschinden am falschen Fleck.

Aber alles schien vergebens, denn eines Tages in tiefster Aschermittwochsstimmung, bei Kasteiung und Versagen, lag ein Brief des Schneiders da. An den hatte er seit Jahr und Tag nicht gedacht. Er riß den Umschlag auf. Was? So viel? Unmöglich! Das war ja mehr als sein ganzer Jahreszuschuß! Er warf die Rechnung in den Papierkorb. Lächerlich! Und der Leutnant schuftete weiter im königlichen Dienst vom Morgen bis zum Abend, wo er todmüde sich aufs Bett warf, angekleidet, wie er war, und schlief, bis ihn am Morgen der Bursche weckte. Und siehe da, auf dem Schreibtisch lag abermals eine Rechnung: der Sattler. So viel? Unmöglich! Er wurde betrogen! Rasch in den Papierkorb! Doch in den nächsten Tagen kam Rechnung auf Rechnung. Das schlimmste dabei: dieser und jener mahnte. Er könne nicht mehr warten. Richtig – der Jahresschluß! Dann kam sogar ein Postauftrag. Der Leutnant konnte nicht zahlen. Ihm wurde heiß. Ein Sonntag war's. Die Kameraden auf Urlaub. Nirgends hätte er Geld erhalten können, und der ›unverschämte Kerl‹ drohte, es dem Obersten anzuzeigen, falls nicht bezahlt würde. Da kam dann wirklich heraus, daß er schon ein Dutzend Rechnungen geschickt hatte. Ja, ja, dahin waren sie gewandert, in den Papierkorb, links neben dem Schreibtisch, an dem er nie saß, höchstens einmal, um Rechnungen fortzuwerfen.

Ach was, der Esel würde sich schon beruhigen! Nur eins sah der junge Offizier ein, alles Entsagen, alles Knausern, alles Sparen half ja doch nichts. Also lieber: hui! fröhlich gelebt und jung gestorben. – Nein, leben, leben wollte er! Und wieder packte ihn der Jubel des Daseins, das unbändige Glück, die Luft dieser schönen Erde zu atmen und jung zu sein! Er warf alles hinter sich. Zu Ende die Jammerzeit des Trübsalblasens. Hin ist hin, verloren ist verloren! Hatten die Dragoner, die braven Kerls, nicht schon verfluchte Gesichter gemacht, den Herrn Leutnant, ihren liebsten Vorgesetzten, für den sie durch die Hölle geritten wären, so herumstänkern zu sehen wie 'nen alten, verdammten Kasernenspion? Also los! Los! Hei, wie das gut tat, mal wieder 'nen Ritt hinaus ins Land, wenn auch kalt und winterlich! Und wie die Louison, die schwarze, die immer so französisch tat und doch den blonden deutschen Jungen am liebsten küßte, sich freute! Und dann Karneval – er fiel zeitig – in Mainz! Die schönste Maske war er; das sagten sie alle, die ihn anulkten auf der Rheinbrücke. Am Abend wurde gesungen und getrunken. Dann plötzlich lagen die Karten da. Wer mochte sie mitgebracht haben? Ei, war da nicht schönste Gelegenheit, den Hornochsen, den Schneider, zu berappen und das Mistvieh, den Sattler? Er war wirklich ein Mistvieh, denn der Baum von dem neuen schönen teuern Sattel war beim ersten Ritt gebrochen. Durfte gar nicht vorkommen bei anständiger, ehrlicher Arbeit! Aber der Mann sollte sein Geld haben.

Keine Bange! Und wenn er ihn zehnmal reingelegt: er würde zeigen, daß er anständig war! Alle sollten sie ihr Geld haben: da auf dem Tisch lagen die Hunderte nur so herum! Darum vorwärts: gesetzt. Ebensogut, wie andere gewannen, konnte er auch gewinnen! Irgendwoher kam Sekt! Er schien Gemeingut zu sein. Prost! Das Leben war so einfach, so leicht!

Und am ändern Morgen rieb er sich die Augen und stürzte zum Schreibtisch. Da lagen die Aufzeichnungen, was er verloren: Hunderte, Tausende! In der Reitbahn stand er und ließ seine Abteilung reiten. Mechanisch tönten die Kommandos. Der heitere, hübsche, junge Offizier war nicht zu erkennen. Er starrte auf die Pferde, auf die Dragoner, ohne zu sehen. Und – auch das noch – plötzlich kam der Regimentsadjutant, er solle dem Ältesten den Befehl übergeben und sofort zum Kommandeur kommen. Wußte der's denn schon?

Der Oberst empfing ihn mit strengem Gesicht, und der Leutnant stand zum erstenmal nicht lächelnd vor ihm, kein Veilchenanbieten wäre ihm in den Sinn gekommen, nicht einmal eine Frage hätte er an ihn zu richten gewagt. Wahrhaftig: jener, der damals den Postauftrag gesandt, den er nicht eingelöst, hatte dem Obersten geschrieben. Nur einen Satz sagte der Kommandeur: »Sie werden mir übermorgen melden, daß Sie keine Schulden haben, oder Sie reichen Ihren Abschied ein!«

Der junge Offizier fuhr nach Haus. Er traf sie alle daheim, seine Lieben. Papa, Mama, Ännchen saßen beim Nachtessen. Kein Sekt, kein lustiges Souper: Hering gab's und Pellkartoffeln. Der Oberst und die gnädige Frau und das gnädige Fräulein sparten für den lieben, einzigen Sohn, den Bruder. Der aber stand in seinem eleganten Zivil an der Tür und blickte sie an mit weit aufgerissenen Augen. Sein fröhliches Gesicht war ernst, und als er Eltern und Schwester beim bescheidenen Mahl sah, stürzten ihm jählings heiße Tränen aus den Augen. Der Vater stand auf. Wie damals, bei der ersten Beichte, hatte er beide Arme geöffnet, den Sohn zu empfangen. Da fielen sie ihm schlaff herab. Er blieb, den Mund offen, stehen. Die Mutter sank vor Schreck in den Stuhl zurück. Ännchen mußte sie halten.

»Was ist's ?«, fragte der Vater. Der Leutnant brachte es nicht über die Lippen. Ein paar Schritte taumelte er vor, dann fiel er seinem Vater um den Hals, und im Bewußtsein, daß es nun zu Ende sei, begann er zu schluchzen. Der Oberst klopfte seinem Jungen den Rücken, aber die Hand des alten ›Stadtsoldaten‹ zitterte, denn er ahnte, was geschehen. Die Mutter schob die Reste des Essens zusammen und schickte Ännchen hinaus, ob für den Sohn noch irgend etwas gemacht werden könnte, denn er mußte hungrig sein nach der langen Eisenbahnfahrt. Er sollte erst essen. Doch der wehrte ab, fast mit Entsetzen. Er bat, den Vater allein sprechen zu dürfen in seinem Zimmer. Da verschwanden die beiden im Nebenraum, und langsam schloß sich hinter ihnen die Tür. Die Mutter aber blieb mit gebeugtem Rücken am Tisch, faltete die Hände, horchte hinüber, wo man lange nichts vernahm, und begann zu beten. Ännchen ließ sich leise am Tisch nieder. Mutter und Tochter starrten einander an. Keine sprach ein Wort. Nur manchmal, wenn nebenan des Vaters Stimme lauter tönte, zuckten sie zusammen und wechselten ein paar Worte.

Da tat sich die Tür auf. Der Vater rief seine Frau und Ännchen hinein. Sein Überrock, der alte, abgeschabte, den er zu Hause anzog, war aufgeknöpft, und sein schon dünn gewordenes Haar stand wirr vom Kopfe ab. Der Sohn, der liebe, einzige Sohn hielt die Augen zu Boden geschlagen und blickte weder Mutter an noch Schwester. Nun sprach der Oberst. Mit ruhiger, halblauter Stimme. Nur ab und zu, wenn ihm der Ton umzuschlagen drohte, erhob er sein Organ, und obwohl er weich redete, klang es rauh und gewaltsam.

Vater und Sohn waren schon fertig miteinander. Der Junge mußte gehen. Zu Ende der Dragonertraum. Nur einer des Namens würde fortan noch in der ›Rang- und Quartierliste für die preußische Armee‹ stehen. Und es waren doch einmal achtzehn gewesen. Der Leutnant kehrte nicht mehr in die Garnison zurück. Der Vater würde es selbst ordnen mit dem Kommandeur. Seine Pferde sah er nie wieder, weder die Braune noch den Fuchs. Und nicht die Sachen, die er dort ließ. Nicht die Uniform, die er so stolz und schön getragen. Nicht den Säbel, mit dem in der Faust er einmal gehofft, hineinzureiten unter hellem Hurra in den Feind. Als hätte er das Ende schon geahnt, hatte er sein bißchen Zivil, Wäsche und was er mitnehmen konnte zur Reise über die ›große Pfütze‹, mitgebracht. Da rief Ännchen voller Verzweiflung, sie wolle Diakonissin werden, Erzieherin, irgend etwas, nichts brauche sie, nichts beanspruche sie für sich, nichts, nichts! Aber der Oberst stand wie leblos. Nun begann die Mutter vorzurechnen, wie sie an Anzug, Essen, an allem vielleicht noch sparen könne. Der Oberst stand wie leblos.

Der Sohn aber konnte all den Jammer nicht mehr ansehen. Mit einem Male schrie er laut auf, schrie, ja schrie, und warf sich zu Boden vor seiner Mutter, der alten Frau die Hände zu küssen, nein, den Saum des Gewandes. Sie hob ihn auf. Er war zu schwer, so kniete sie hin neben ihm, strich ihm das Haar, dem schönen, lieben, einzigen Sohn, den sie geboren, und flehte, als könne sie kraft ihrer Mutterliebe alles abtragen, was er hinausgeworfen wie wertlosen Dreck. Er sah ihr vergebliches Flehen, und es schnitt ihm so ins Herz, daß er laut die Summe rief, um die es sich handelte, und bat, bat flehentlich, bat, sie möge sich nicht umsonst quälen.

Da fuhr sie zurück. Nein, dann unmöglich, unmöglich … und sie streifte seine klammernden Hände ab von sich und blieb auf einem Stuhl, ohne sich zu regen. Ännchen stand neben ihr. Der Vater aber sagte plötzlich hart als Soldat:

»Sei ein Mann! Nimm es auf dich! Wir wollen nicht rechten mit dir. Es ist aus. Und nun komm!«

Er führte den Sohn an den Schreibtisch, suchte selbst den Bogen Papier, gab ihm die Feder in die Hand. Dann hörte man, wie der Oberst mit gedämpfter Stimme dem lieben, dem einzigen Sohn das Abschiedsgesuch diktierte. Als er fertig war, nahm der Vater es auf und las es noch einmal. Laut las er es vor. Dann wurde es in einen Umschlag getan, gesiegelt und frei gemacht. Darauf befahl der Oberst mit Kommandostimme, denn leise hätte er nicht sprechen können bei den Tränen in seiner Kehle:

»Vorwärts, Ännchen, jetzt gib ihm zu essen!«

Und zu seinem Sohn gewandt:

»Reiche deiner Mutter den Arm, ihr wird das Gehen schwer!«

Der Leutnant taumelte fast, als er zum Stuhl schritt, seine Mutter aufhob, der die Knie versagten, und sie ins Eßzimmer führte, voraus vor den beiden andern. Als sie am Tisch saßen, still, denn keiner mochte ein Wort sprechen, klatschte mit einem Male der alte ›Stadtsoldat‹ in die Hände, daß es gellte. Und bei der ungewohnten Fröhlichkeit fuhren sie zusammen. Der Oberst aber rief:

»Ännchen, setze Rotwein auf! Du! Der Bursche soll nicht herein. Wir wollen alle Abschied nehmen von unserm Sohn! Ja, den Rotwein hole, den guten, unsern besten, zu zehn Silbergroschen. Ist freilich kein Sekt, mein Junge, den hat dein Vater nicht im Haus. Der wäre ihm zu teuer!«

Der Leutnant senkte tief die Stirn. Und nun wurde aufgetragen. Er wollte nicht essen, der Bissen quoll ihm im Munde. Doch der Vater nötigte:

»Es ist das letztemal, mein Junge, daß du an deiner Eltern Tisch sitzest!«

Sein Sohn sah ihn steinern an, der Oberst sagte ruhig:

»Morgen früh geht dein Zug nach Bremen. Du weißt, wir haben nachgesehen. Und morgen abend geht dein Schiff! Du erinnerst dich, mein Junge!‹

›Jawohl, Papa!‹

Die Mutter hob erschrocken die Hände, doch der Oberst bedeutete ihr, es sei abgemacht. Nun saß sie stumm da, dem Dienst, dem Befehl gegenüber, und sah ihren Sohn an, den lieben, einzigen Sohn. Endlich überwand sie sich zu sprechen: sie nötigte ihn, zu essen. Bei jedem Bissen redete sie ihm zu, während der Vater schwieg und Ännchen hin und her lief, dem Bruder zu bringen, was es nur in Küche und Keller noch gab. Endlich überwand er sich und aß, denn er hatte den ganzen Tag nichts bekommen. Als er fertig war, räumte die Schwester ab, und sie saßen am nackten Tisch. Das Gespräch ging nicht vorwärts. Immer wieder sank dem Leutnant in Scham und Verzweiflung der Kopf auf die Brust. Da sprang der Vater auf vom Stuhl, ging zu auf den Sohn, nahm ihn bei beiden Armen und sprach:

›Mein Junge, du hast in bodenlosem Leichtsinn dich schwer vergangen an deinen Eltern und auch an deiner Schwester, die ihr Glück geopfert hat für dich. Das bleibt, und ich kann es nicht von dir nehmen. Aber nicht nur wir, auch du wirst an deinem Schicksal noch schwer zu tragen haben. Du bist als Soldat zwar aus der Art geschlagen, aber soviel wirst du wissen, daß es militärischer Grundsatz ist, nie doppelt zu strafen. Nun, so wollen wir dich jetzt nicht quälen in den letzten gemeinsamen Stunden, die wir noch mit dir haben. Ich habe abgerechnet mit dir. Zweimal tue ich es nicht. Dein Schicksal ist bestimmt. Morgen früh verläßt du Vaterhaus, Dienst und Vaterland. Du weißt, ich werde alles ordnen, daß es nicht wie Fahnenflucht aussieht. So laß uns nun die letzten Stunden noch gute Freunde sein. Wir haben dich dreiundzwanzig Jahre geliebt und großgezogen, du sollst uns nun, wo wir uns trennen müssen, nicht sagen dürfen, wir hätten dich wie einen Hund aus dem Hause gejagt. Darum sei fröhlich. Deine Schulden werden wir abtragen, wie es eben geht. Gehen muß. An unserm alten Namen soll keine Unehre bleiben. Sei also fröhlich, mein Junge! Sei fröhlich!‹

Und der Vater bezwang mit soldatischem Mut seine Stimmung. Er sprach laut und lachte, wenn es auch ein wenig gezwungen klang. Und weil sie von der Gegenwart nicht reden wollten, begann er von der Vergangenheit, alte, immer wieder erzählte Geschichten von Vaters und Urvaters Heldentod fürs Vaterland, von Opfer und Treue, von Einfachheit und Kraft und Gesundheit. Preußische Entsagung, preußische Stärke, preußische Not, preußische Siege. Eine Wehmut lag darin über die lange Friedenszeit, eine Sehnsucht nach Krieg. Da gewann auch der Sohn Mut zu reden. Er sehnte sich nach dem Felde, dann, vielleicht dann könnte er bleiben und brauchte nicht fort. Das aber brachte sie wieder auf den Abschied, denn ob sie wollten oder nicht, dort mündete alles. Da es nun schon spät war in der Nacht, holten Ännchen und Mutter des Sohnes Sachen. Sorgfältig wurde die Wäsche durchgesehen, die erst die beiden sparsam und treu zur Leutnantsausstattung ausgesucht und die Schwester an manchem stillen Abend gezeichnet: kein Stück war mehr ganz, kein Dutzend vollzählig. Da nahmen die beiden Frauen Nadel und Zwirn und begannen zu flicken und zu nähen. Die Mutter, deren sonst so gute Augen begannen weitsichtig zu werden, setzte die Brille auf, nahm sie aber immer wieder ab, sie zu wischen. Der Oberst hatte ein Lexikon geholt, das er sich einst als Leutnant abgespart; es schlug die Häfen und Städte Amerikas auf und las laut vor, in soldatischem Ton, von ihrer Lage in Breite und Länge, ihrer Einwohnerzahl, ihrer Industrie, ihrem Klima. Dann wurden sie auf der Karte gesucht und die Entfernungen verglichen. Dazwischen hörte man nur das Rascheln beim Ausziehen des Fadens und das Klappern der Stricknadeln, denn die Mutter setzte an einem Strumpf eine neue Ferse an.

Schon dämmerte der Morgen. Sie waren fertig. Sorgfältig wurde gepackt. Der Oberst saß am Schreibtisch und zählte das Reisegeld für den lieben, den einzigen Sohn. Die Mutter aber hatte aus der Wirtschaftskasse noch das letzte zusammengekratzt und steckte es ihm zu. Drei kleine Paketchen wurden noch in die Ecken des Köfferchens gestopft, Paketchen, in der Eile mit Nähzwirn und Stopfgarn um*wickelt: ein wenig Schokolade, ein paar Zwiebäcke und die Bilder der Eltern wie Ännchens. Das der Mutter in silbernem Rähmchen. Einst stolzestes Weihnachtsgeschenk. Dabei flüsterte sie, dicht den Mund an des Sohnes Ohr:

›Wenn du in großer, großer Not bist, kriegst du vielleicht noch was dafür!‹

Es war aber nur Neusilber, sie wußte es nicht.

Da küßte der Leutnant seiner Mutter Hand:

›Eher will ich verhungern!‹

Wie es an den Abschied ging, gab Ännchen ihm noch ihre englische Grammatik mit und das Lexikon. Dann rief der Vater mit einem Male, kurz und grell, die Uhr in der Hand:

»Es ist Zeit!«

Als hätten sie nicht die ganze Nacht miteinander gesessen, schärfte ihm die Mutter noch allerlei ein, das sie vergessen. Aber schon stand der Sohn im Mantel da. Noch einmal lief er durch die bescheidenen Zimmer in brennender Hast, dann lag er an der Mutter Brust, schloß Ännchen in die Arme und konnte nichts mehr sagen, der stolze, schöne, stramme Offizier als: »Verzeih!« Auf der Schwelle wandte er sich zum letzten Male um und rief kurz, als sähe er sichere Zukunft vor sich:

›Wenn ich was geworden bin, sollt ihr von mir hören! Oder – wenn's mal Krieg gibt!‹

Dann standen die Frauen am Fenster und blickten auf die Straße hinab. Der Oberst ging mit seinem Sohn. Er, das Haupt gesenkt, grüßte nicht mehr. Kein Wort fiel bis zum Bahnhof. Als der Zug davonfuhr, blieb der Vater noch lange draußen am äußersten Ende, wo der Schienenstrang ins Ungewisse sich verlor, und wagte nicht, sich umzudrehen, denn er war in Uniform, und keiner sollte einen königlich preußischen Obersten weinen sehen.

An diesem Tage aber saßen Vater, Mutter und Ännchen beim Mittagessen stumm, bitter. Keinen Bissen brachten sie hinab, bis der Oberst aufstand, alles stehen ließ, in sein Zimmer ging und sich einschloß bis zum Abend. Die Frauen aber sahen nach der Uhr. Ännchen sagte:

»Jetzt ist er da!«

Und bald darauf:

»Nun geht das Schiff!«

Dann saßen sie wieder, die drei, täglich bei Tisch, und kein Wort fiel, bis eines Tages der Oberst sprach:

»Er ist drüben!«

Noch zwei Wochen warteten sie, dann kam der versprochene Brief, der Brief vom lieben, vom einzigen, vom verlorenen Sohn. Nur ein paar Zeilen: die Meldung, er sei angekommen; sobald er etwas erreicht hätte, würde er schreiben. Wie ein Schwur klang es: eher werdet ihr kein Wort wieder von euerm Sohn vernehmen, bis er euch in Ehren schreiben kann.

Monate strichen hin, die stolze Meldung traf nicht ein. Ein Jahr saßen die drei an dem Tisch, Ännchen gegenüber der vierte leere Stuhl, auf dem einst der Leutnant, ihr Bruder, der liebe, der einzige, der verlorene Sohn gesessen. Sie sprachen von ihm, der verschollen schien, fast nie, denn wenn eins ihn erwähnte, wurden der Mutter Augen naß; der Vater legte die Serviette hin und verschwand in seinem Zimmer. Als nun das zweite Jahr zur Rüste ging, hatten sie noch immer keinen Brief. Der Oberst stellte insgeheim Nachforschungen an – vergeblich. Da fingen sie an, wie alles auf der Erde gemildert wird durch die Zeit, ruhiger von dem verlorenen Sohn zu reden. Gleich einem fernen Bild erschien er ihnen. Die Schulden waren bezahlt, eine kleine Erbschaft hatte geholfen, und dazu war das Vermögen geopfert worden. Ännchen befand sich nicht mehr im Haus: untätig die Hände in den Schoß legen? Und dann, wenn der Vater etwa einmal nicht mehr lebte, der Mutter auch noch von der kleinen Pension nehmen? Nein, sie stand auf eigenen Füßen, als Erzieherin in England.

Da kam der Dänische Krieg, und der alternde ›Stadtsoldat‹, der schon daran verzweifelt, je Pulver zu riechen, zahlte mit beiden Füßen das ersehnte Glück, vor seinem Abschiede noch einmal im Feuer zu stehen. Er wurde zum Krüppel geschossen. In ein billiges, kleines Städtchen zogen der Herr Generalmajor a. D. und die Frau Generalin. Von dem verlorenen Sohn aber hörten sie nichts. Sie konnten ihm nicht mitteilen, wie der Vater jetzt Feldsoldat geworden, der aber im Rollwägelchen saß, kümmerlich und doch stolz, daß ihn die Mutter selbst auf die Promenade fuhr und in die Anlagen zum Militärkonzert. In der Beschäftigungslosigkeit, drückend nun auf den alten Herrn, weilten seine Gedanken öfter und öfter bei dem Sohn. Kummer, Groll, Bitterkeit verblaßten, der verlorene Sohn gewann leise das Gesicht zurück, das er früher getragen, da er der Eltern lieber Sohn, der einzige, ihr Stolz und ihre Freude gewesen. Wenn sie jetzt von ihm redeten, klang es fast verklärt, als lebe er nicht mehr. Atmete er noch? Sie wußten es nicht, aber konnten sie glauben, er würde so lange Jahre schweigen? ›Das Herzeleid tut er uns nicht an!‹ meinte die Mutter. Doch der General streckte sich auf seinen beiden Stummeln im Rollstuhl: ›Weißt du, was seine letzten Worte gewesen sind? Wenn ich was geworden bin, sollt ihr von mir hören!‹ Aber die Mutter schüttelte den Kopf: ›Oder, wenn's Krieg gibt!‹ Nun, es hatte Krieg gegeben, und er war nicht gekommen! Da ließ der alte Herr wieder den Kopf sinken. So sprachen sie alle Tage. Nein, es gab keine Hoffnung mehr. Der Sohn war tot.

Da loderte abermals die Kriegsfackel. Der General verfolgte mit brennenden Augen die Telegramme über die Siege in Böhmen. Sein altes Feldsoldatenherz schlug, und er wollte aufspringen, hinaus, bei Trommeln und Pfeifen mit gellendem Hörnerton, dem Signal ›Avancieren‹ dem Feinde entgegen. Kraftlos sank er in seinen Marterstuhl zurück. Nicht mehr dabei! Und da, da schmerzte es ihn, daß sein Sohn fehlte. Der erste Krieg seit Hunderten von Jahren, wo keiner seines Namens im Felde stand.

Der Sohn, der liebe, einzige, der verlorene Sohn war tot. Nun glaubten sie es beide. Sonst wäre er gekommen. Ganz still band die Mutter eine schwarze Schleife, gleichsam einen Totenschmuck, um das Bild, das auf ihrem Schreibtisch stand. Als nun Jahre nach dem Bruderkrieg Ännchen zu Besuch herüberkam aus England, hörte sie, wie seltsam die beiden Alten redeten von dem verlorenen Sohn, stolz, als sei er nur immer ihr Glück gewesen. Da empfand sie es ein wenig, daß man von ihr, die doch nach langer Abwesenheit wieder ins Vaterhaus zurückkehrte, nicht soviel sprach wie von ihm, der sie alle ins Unglück gestürzt und in Unehren gegangen war. Aber sie hatte ja nie in der Rangliste gestanden, hätte nur eine Soldatenfrau werden können – können – wenn sie nicht ihr Bißchen, das sie einmal erwarten konnte, für den Bruder geopfert.

Für Augenblicke nur empfand sie das, die dem Soldatenton im Vaterhaus fremd geworden in England, bald aber regte sich wieder das Blut ihres Namens, nun, wo sie daheim blieb, denn der Vater bedurfte der Pflege, und die Mutter, müde durch Schicksalsschläge, Arbeit und Sorge, konnte nicht mehr recht mit. Bald träumte auch Annchen mit den Alten jeden Abend von dem lieben, dem einzigen Bruder, wie schön er gewesen in seiner hübschen Uniform! Wie stolz er zu Pferde gesessen, wie er gelacht und ihnen erzählt von Reiterleben und Reitergeist. Er, der wiedergekommen wäre eines Tages als ganzer Mann, da drüben geworden … und er war tot.

Wieder klangen Trommeln und Pfeifen, abermals gellten über das Schlachtfeld die Signalhörner: »Avancieren!« dem Feinde entgegen. Der alte General saß lahm in seinem Stuhl. Nicht mehr dabei! Und das zweitemal seit Hunderten von Jahren stand keiner seines Namens mehr im Feld!

Und doch stand einer draußen auf Frankreichs feindlicher Erde. Nur wußten es die Eltern nicht. Nur ritt er nicht vorm Zuge seines alten Regiments. Er ging in Reih und Glied auf langen Märschen, in unscheinbarer Linieninfanterieuniform, den Dachs auf dem Buckel, auf der Schulter das Zündnadelgewehr. Ein Kriegsfreiwilliger. Gern eingestellt nach furchtbaren Verlusten erster Schlachten. Einer, der erst, als er drüben überm Wasser vom Kriege gehört, herübergekommen war und eingetreten, wo man ihn eben nahm. Ein schweigsamer Mann. Körpermaß: Erstes Bataillon Garde des großen Königs. Einer mit mancher Sorgenfalte, vom Leben gezogen. Man wußte nichts von ihm. Er redete nicht. Wenn er aber den Mund auftat, hatte es einen leisen, fremden Klang, als ob er seine Muttersprache lange nicht gesprochen hätte. Er drängte sich nicht vor, er meldete sich nicht zu Besonderem. Wie jeder andere in der Kompagnie tat er seine Pflicht. Und wie mancher andere in der Kompagnie ist er auch gefallen. Nicht bei einer Heldentat, bei keinem Sturm, der ihn als ersten ins brennende Dorf geführt hätte, sondern ziemlich weit ab von den französischen Linien. Der Gegner hatte sich zurückgezogen, unsere Truppen saßen ihm auf den Fersen, und nur noch ganz aus der Ferne klang das Rattern der Mitrailleusen, der grelle Knall beim Platzen der Schrapnelle, das Rollen der Salven. Mit ein paar Krankenträgern suchte ich das Schlachtfeld ab. Noch war nicht viel zu spüren von dem wilden Ringen, das weiter vorn getobt. Nur hier und da zeigten die abgesplitterten Äste der Chausseebäume auf der weißen Straße die Wirkung französischer Artillerie. Kolonnenwege führten in frischen Spuren querfeldein: hier waren unsere Truppen abgebogen. Wir fanden einen Premierleutnant, einen kleinen beleibten Herrn, den Waffenrock aufgeknöpft, tot, blutbesudelt am Feldrain liegen. Einen Sergeanten konnten wir auf der Bahre zurückbringen: er hatte die Besinnung verloren durch starken Blutverlust. Dann kam eine lange Linie von abgelegten Tornistern, fast peinlich geordnet; ein paar leichter Verwundete hockten dabei, den Rücken gegen die Stämme einzelstehender Bäume gelehnt. ›Trinken, trinken‹, anderes verlangten sie nicht. Nachdem sie notdürftig verbunden worden, gingen sie selbst zurück. Einer mit dem Schuß im Bein, auf den Kameraden gestützt, der ein Stück Blei im Arm hatte. Die braven Kerls lehnten jede Hilfe ab. Nur: ob jemand bei den Tornistern bliebe, schien sie zu erregen. Und dann lag die freie Wiese wieder vor uns, drüben abermals von Bäumen eingefaßt. Nichts sah man als das zertretene Gras. Straßen wie auf einer Karte führten darüber. Und dann – ich erinnere mich noch genau der Kleinigkeiten – ein blutiges Taschentuch und ein toter Gaul. Ein Husarenpferd mit Muschelzäumung. Wohl von einem Ordonnanzoffizier oder Patrullenführer. Immer ferner klang der Lärm des Gefechtes. Zuzeiten war es ganz ruhig. Dann zirpten plötzlich die Grillen. Seltsam, wie einem das ins Ohr fiel. Hatte die Kreatur geschwiegen, solange der Herr der Schöpfung tobte und donnerte? Oder war nur unser Ohr, auf die Kriegslaute achtend, für die feinen Geräusche nicht empfänglich gewesen? Wir gingen langsam vorwärts; ab und zu klangen unsere Rufe, vielleicht lag einer irgendwo verborgen. Dann warteten wir, zu lauschen. Alles still. Nur immer wieder das schwingende, schwirrende Geräusch der Grillen und ganz selten einmal in der Ferne ein einzelner Schuß. Durch das Gras streifend, kamen wir von Abschnitt zu Abschnitt: nirgends etwas anderes zu sehen als der Trichter, den eine Granate aufgeworfen, und zertretene Halme. Eben hielt ich abermals inne in diesem erschütternden Schweigen, wo man doch wußte, hinter jener Hügelkette etwa, dort am Waldsaum oder in den tiefen Gräben der schnurgeraden Straße liegen vielleicht Hunderte unserer Brüder, als mein suchendes Auge an einer Stelle gebannt blieb. Ich blickte noch einmal hin: da lag einer. Das Koppel leuchtete und die sechs Knöpfe der Schöße des Waffenrockes wie sechs blinkende kleine Lichter. Ich schritt auf den Verwundeten zu: Ein auffallend großer, starker Mann. In der Rechten hielt er das Gewehr. Er lag auf dem Gesicht. Auf dem Gesicht und verwundet? Ich kniete nieder, packte ihn bei der Schulter und versuchte, den schweren Körper herumzudrehen. Dabei wurde ich gewahr, daß er den linken Arm halb ausgestreckt hielt, so daß in grausig rätselhafter Stellung der Leib auf der vorgeschobenen Hand wie auf einem dritten Fuße ruhte, hohl liegend, den Boden nicht berührend. Es kostete Mühe, den Grenadier umzuwenden. Als es mir gelang, fiel er wie ein Klotz auf den Rücken. Ich blickte in ein ruhig lächelndes Gesicht, als hätte er eben noch einen Scherz gemacht. Die Lippen standen unter dem blonden Bärtchen halb offen, daß man die blendenden Zähne sah. Und die blauen Augen blickten mich so freundlich an, daß ich … mein Gott … Erde klebte auf der einen Pupille! Und er schloß nicht das Lid? Nun sah ich erst auf der Stirn das Loch, das die französische Kugel gebohrt. Nur ein Blutstropfen war ausgetreten. Und jetzt erst wurde mir bewußt, warum der Körper so seltsam wie ein Dreifuß über dem Boden geschwebt: die Linke war auch jetzt noch, wie er auf dem Rücken lag, gerade vorgestreckt, als habe der Tote eben die Vorwärtsbewegung beim Schreiten mit dem pendelnden Arm gemacht. Die Rechte hielt das Gewehr. Der Schuß in die Stirn mußte ihn im gleichen Augenblick gelähmt haben. Gequält hatte er sich gewiß nicht. Ich faßte ihn an: das Leben konnte kaum lange entflohen sein, und ich drückte ihm die Hand auf die Augen, sie zu schließen. Es gelang nicht. Doch er lag vor mir ganz friedlich. Auch sein Lächeln störte mich nicht, und nicht, daß er mich ansah. Mir schien fast, als müsse es so sein.

Die Pflicht rief mich weiter! Ihm war nicht mehr zu helfen, aber vielleicht lagen andere noch stöhnend in der Nähe. Wir haben denn auch so manchen noch gefunden, der bei dem Rückzugsgefecht verwundet worden. Am Abend, als unsere braven Truppen längst weitermarschiert waren und nicht einmal ein ferner Schuß die unendliche Stille mehr unterbrach, führte ich das Kommando, das die Gefallenen zur Beerdigung zusammentragen sollte, auf die Wiese hinaus. Immer noch zirpten die Grillen, betäubend fast, nun, wo kein Menschenlaut sie störte. Das Gras hatte sich da und dort schon wieder aufgerichtet, denn am Nachmittag war ein erquickendes Gewitter niedergegangen. So konnten wir zuerst den Toten nicht finden. Da blitzte ein Gewehrlauf, und ein paar Augenblicke darauf standen wir neben ihm. Tageshitze und Regen hatten ihn bereits verändert: die blauen, fast fröhlichen Augen waren erloschen. Wie sie den Waffenrock öffneten, den Namen nach der Erkennungsmarke festzustellen, sah ich ihn nochmals an, und die Worte des einen Soldaten, der neben ihm kniete, gaben so genau wieder, was ich dachte, als hätte ich es selbst gesagt: ›Schade um den schönen Kerl!‹ Man nahm ihm seine Sachen ab. Bescheiden nur: eine Tombakuhr an stählerner Kette, die Geldtasche – der Unteroffizier schrieb alles auf – mit einem Taler und einigen Groschen, dazu ein paar fremde Münzen. Man zeigte sie mir, denn die Leute hatten solches Geld noch nie gesehen: Dollars! In der Brusttasche steckte, zum Schutz gegen Beschmutzung mehrfach in Papier eingewickelt, ein Brief, frankiert mit norddeutscher Bundesmarke und mit Adresse. Ich nahm ihn an mich zur Besorgung. An einen Generalmajor war er gerichtet. Und ich dachte im Augenblick: vielleicht sein einstiger Kommandeur.

Dann hoben sie ihn auf, nachdem sie nur mühsam ihm das Gewehr aus der verkrampften Hand gezwängt, und trugen ihn bis zur Straße, wo eine Grube offenstand, in der schon mehrere lagen. Es war dicht neben einem Chausseewärterhaus, das ein paar Granaten von Grund auf zerstört hatten. Ich sprach ein kurzes Gebet. Schnell wurde Erde darauf geschüttet. Wir bezeichneten die Stelle mit einem rohen Kreuz, aus den Türpfosten des zerschossenen Hauses gefertigt. Dann mußten wir weiter.

Todmüde warf ich mich in einem Schloß, wo sich das Feldlazarett befand, auf dem Treppenabsatz zum Schlafen nieder, denn als ich ankam, war jeder Fleck belegt. An den Brief hatte ich bei meiner, ich muß es gestehen, völligen Erschöpfung nicht gedacht. Bestimmt, einen Verwundetentransport zurückzuleiten, verließ ich am nächsten Mittag schon den Kriegsschauplatz. Erst auf der Eisenbahn kam ich dazu, die Papiere in meinen Taschen durchzusehen, dienstliche wie persönliche. Da fiel mir der Brief wieder in die Hände. Es war so dünnes, überseeisches Papier, daß man hindurchsehen konnte. Ohne es zu wollen, las ich die Anrede, die zufällig nach vorn gekehrt darinnen lag. Ich sehe sie noch zwischen dem Namen und dem ›Hochwohlgeboren‹. Sie lautete: ›Meine armen, geliebten Eltern!‹ Also der Sohn! Ein Grenadier? Und gewiß schon dreißig Jahre alt?

Da ich in Berlin ein paar Tage Zeit hatte, fuhr ich in das kleine Bad, wo der General wohnte, den Brief persönlich zu überbringen und zu erzählen, was kein anderer sagen konnte: wo und wie der Sohn gestorben. Da saßen sie am Tisch: der alte Herr im Rollstuhl, seitwärts angerückt, daß ihm das Licht von hinten in die Zeitung fiel, mit Nachrichten vom Kriegsschauplatz oder der Verlustliste, die er laut den Seinen vorlas, um dann von jedem, den er aus seiner Dienstzeit etwa kannte, zu erzählen. Da saß die alte Dame, die Brille weit auf die Nase vorgeschoben, und während sie mit Ännchen Scharpie zupfte für die Verwundeten, blickte sie immer ab und zu hinüber zu ihrem Mann.

Als ich nach Einleitungsworten suchte für meine traurige Botschaft, rührten sie sich nicht. Die beiden Alten hielten einander die Hände, wie Leute es tun, die eng geworden sind durch beschränkte Verhältnisse, Leute, die nicht mehr unter Menschen kommen, ja, denen ein Gast im Hause fast etwas Unmögliches geworden ist. Doch als sie nun ahnten, wohin ich steuerte, richtete der General sich auf und rief ein Mal über das andere zu seinen beiden Damen: ›Hört doch, höre, Ännchen!‹ Das Mädchen preßte das Taschentuch an die Lippen. Die Mutter starrte mich mit großen Augen an. Der alte Herr runzelte die Stirn und machte ein wildes Gesicht, daß er nur ja die Fassung behielte. Ich erzählte, wie ich den Sohn gefunden, wie er nicht gelitten, sondern gewiß sofort tot gewesen, als ihn die Chassepotkugel in die Stirn getroffen, wie er ehrlich sein Leben hingegeben für unsere deutsche Sache, wie wir ihn begraben und auch, wo er läge. Immer drohender wurden des Generals Mienen, immer enger ballte sich Ännchens Taschentuch, und die Mutter setzte plötzlich die Brille ab und legte sie vor sich hin auf den Tisch. Da gab ich den Brief. Der General betrachtete ihn lange, als wollte er ihn nicht öffnen. Endlich sagte er barsch: ›Ännchen, gib mir die Schere!‹

Nun schnitt er den Brief auf. Seine Finger zitterten … Er überflog die Zeilen … Mächtig zuckte es ihm um Auge wie Mund, und mit einemmal, als er ihn noch nicht zu Ende gelesen, reichte er ihn seiner Frau und herrschte sie fast an: »Lies vor!«

Die arme alte Dame brachte kein Wort heraus. Sie versuchte, mit der Brille zu lesen, aber die Gläser trübten sich vor Tränen. Plötzlich ließ sie den Brief fallen und legte den grauen Scheitel auf den Tisch. Da reichte mir Ännchen das entfaltete Papier. Ich sah den General fragend an. Der nickte. Nun las ich vor. Etwa so mag der letzte Brief des verlorenen Sohnes gelautet haben:

›Meine armen, geliebten Eltern,

wie wollte ich wiederkommen, wie bald und wie stolz! Und nun sind viele Jahre vergangen, und ich habe mich nicht unter Eure Augen getraut. Ja wahrlich, der verlorene Sohn bin ich geworden, aber nicht jener, der wiederkehrt, sei er auch noch so elend, arm und heruntergekommen. Ich kann zu Euch nicht zurück, kann Euch nicht einmal schreiben, denn ich schäme mich zu sehr. All meine Träume drüben sind zu Wasser geworden. Ich bin nicht vorwärts gekommen, ja ward ganz unter die Füße getreten, bis in – in den Schlamm. Nicht, daß ich es so nennte, niedrigste Arbeit getan zu haben, denn eins habe ich hier drüben gelernt: auch die bescheidenste, ja die schmutzigste Arbeit schändet nicht die Hand, sofern sie ehrlich geblieben ist. Aber ich selbst bin nicht ehrlich geblieben. Ehrlich nämlich gegen Euch, gegen mein Versprechen, gegen mich selbst. Ich habe zuerst, als ich hinüberkam, den alten Leichtsinn nicht abgetan, sondern spielte den Herrn Leutnant, solange der Notpfennig reichte, den der gute liebe Papa mir mitgegeben. Ja, liebe Eltern, ich hatte durch meinen Niederbruch noch nicht genug gelernt, ich mußte erst ganz gedemütigt werden, bis ans Ende. Meine armen geliebten Eltern, laßt mich davon schweigen. Euch, die Ihr in Ehren Euer bescheidenes Leben verbracht, bescheiden, um den Sohn bei der Kavallerie dienen zu lassen, soll nicht die Schamröte ins Gesicht steigen! Ich kann Euch nur sagen: Euer Sohn, auf den Ihr einst stolz gewesen, als er den schönen bunten Rock trug, hat gehungert und sich geschunden wie ein Hund, um nicht ganz umzukommen. Euern Sohn hat das Leben mit so harter Hand gepackt, daß nur Fetzen noch von seiner Kleidung blieben. Und so war er herunter, daß, als die Nachricht übers Wasser kam vom Sechsundsechziger Krieg, er das Geld nicht aufbringen konnte, um auch nur Newyork zu erreichen. Und dann war der Feldzug vorüber. Es wäre zu spät gewesen. Hätte mich das nicht wecken müssen? Liebe Eltern, Ihr drüben in so bescheidener, doch sicherer Lage ahnt nicht, wie schwer es ist für einen, der am Boden liegt, sich zu erheben. Wer einmal Spannkraft und Selbstvertrauen verloren hat, kommt nicht wieder hoch; nie wieder! Ich hatte nicht mehr den Willen emporzukommen. Ich war schlapp, feige, müde geworden. Müde, meine armen, lieben Eltern, das ist das Wort. Abends, wenn ich heimkehrte in mein elendes Quartier, war nur noch eins in mir: vergessen, schlafen, nicht an die Vergangenheit, nicht an die Zukunft denken. Und noch etwas, das Ihr vielleicht nicht begreifen werdet: ich konnte nicht mehr in die Höhe, weil ich nie einen Augenblick allein war. Mein elendes Zimmer im Boarding-House teilte ich mit drei andern. Bei der Arbeit war ich nicht allein, beim Essen war ich nicht allein, beim Schlafen war ich nicht allein. Mir war's, als könnte ich keinen Gedanken allein denken, denn da drüben von dem andern ärmlich-harten Bett glotzten mich zwei harte Augen an. Mir war's, als stünde ich wie ein Gefangener unter dem Bann der andern. Wenn sie schliefen, hörte ich ihre Atemzüge, und immer mahnten sie mich an die fremde Gegenwart. Wachten sie aber, war ich keinen Augenblick gewiß, daß sie nicht in meine Gedanken, meine Pläne einbrächen mit irgendeinem rohen Wort. Ich hatte keine Heimat mehr und kein Heim. Ich war Arbeitsvieh geworden; kein freier Mann, trotz allem Gerede von amerikanischer Freiheit. Da kam die neue Kriegserklärung. Und wie ich das alles, die ersten Schlachten, die ersten Siege in meinem prahlerisch reklamehaften Centblatt las, war es mir zum erstenmal, als könne ich wieder selbst denken. Wie ich mit roten Augen noch lange las und mir mein Gegenüber nicht einmal die Freiheit dieser Gedanken lassen wollte, sondern schimpfte, ich solle das verdammte Licht endlich löschen, da fand ich mit einem Male Gedanken, Worte, alles wieder und habe ihn angebrüllt in dem Redeton, wie er korrekt war unter uns elenden Schächern: ich schlüge ihm alle Zähne ein, wenn er nicht sein gottverfluchtes, ungewaschenes Maul hielte. Am nächsten Morgen war ich fort. Mein Arbeitszeug hatte ich verkauft, um die Fahrt zu zahlen. Als Kohlentrimmer arbeitete ich mir die Überfahrt ab. Einen Gedanken, mein armer, lieber Papa, habe ich nur gehabt: sie schlagen sich, sie fallen, und keiner deines Namens ist mehr dabei. Ich bin dabei, liebe Eltern. Zwar stehe ich nicht in der Rangliste, wie die Siebzehn unterm alten Fritz und wie du, Papa, so lange Jahre, und wie einmal auch ich. Ja, einmal auch ich. Dort gehöre ich nicht mehr hin. Die Achtung vor unserm preußischen Offizierskorps habe ich mir bewahrt, auch damals, als ich … meine armen, lieben Eltern, ich will es Euch sparen. Und heute trage ich ja wieder des Königs Rock. Ihr wißt es nicht, aber vielleicht hole ich mir vorm Feinde das Eiserne Kreuz, darauf würde ich stolz sein, viel stolzer als auf die Achselstücke, die ich einst in schönen Tagen trug und abtun mußte. Ja, liebe Eltern, wenn ich das Eiserne Kreuz mir verdiente, und ich will alles daran setzen – dann sollt Ihr erfahren, daß der verlorene Sohn noch lebt. Früher nicht … oder … liebe Mama, deshalb schrieb ich diesen Brief – oder wenn mir mein größtes Glück zuteil würde, wenn ich bliebe auf dem Felde der Ehre. Der Brief ist darum fertiggeschrieben. Adressiert. Frankiert sogar, damit er Euch bestimmt erreicht. Ich trage ihn bei mir, und wenn ich fallen sollte, wird man ihn finden und Euch senden. Dann dürft Ihr wieder an Euern verlorenen Sohn denken, dann könnt Ihr wieder von ihm sprechen, liebe, liebe Eltern!

Lebt wohl. Auch Du, Ännchen, die Du umsonst Deine Zukunft für den Bruder geopfert hast, lebe wohl! Wenn Ihr dieses lest, habe ich für mich wie für Euch meine Ehre zurückerworben, dann war mein armseliges Leben doch zu etwas gut: für meinen König, für mein Vaterland, für meine Familie mein Blut zu lassen. Lebt wohl!‹

Als ich geendet, blieben die drei lange stumm. Das junge Mädchen – jung, ach jung war es nicht mehr – sah unbeweglich vor sich hin und immerfort, eine nach der andern, rollten ihm in kleinen glitzernden Kügelchen die Tränen über die Wangen. Die alte Dame hatte den Kopf auf die verschränkten Arme gesenkt, daß man sah, wie dünn und breit der Scheitel in dem grauen Haar geworden war. Der General starrte ins Leere mit wildem, strengem Ausdruck. Plötzlich klang ein seltsames Geräusch vom Boden herauf, ein Stampfen, ein Trommeln. Dazu begann er zu pfeifen, und die Stummel der Füße mit ihren hölzernen Stelzen klopften den Takt zum stolzesten Signal, das unablässig wie eine Siegesfanfare klang, zum Signal, mit dem preußische Soldaten in den Feind brechen, zum Signal: ›Avancieren!‹ Und dann sagte er, die letzten Worte des Briefes seines nicht mehr verlorenen, nein, seines lieben, einzigen Sohnes wandelnd:

›Lebe wohl!‹«

Der Johanniterritter hatte längst geendet, und noch immer sprach keiner ein Wort. Der kleine Leutnant von Krebs, sonst lebendig und voller Phantasie, blickte zu Boden, vielleicht, als mahne die Erzählung den leichtlebigen jungen Mann an eigene Sünden. Premierleutnant von Bugk hatte alle seine Gottesdonnerwetter vergessen: dem polternden, nur äußerlich ein wenig rauhen Offizier, der doch im Grunde seiner Seele so weich war, tropfte es über die Wange, und er wandte sich zu seinem Nachbar, dem Regimentsadjutanten, gleichsam um Entschuldigung bittend: »Das weiß der liebe Himmel, 's geht mir immer so! 's ist ein Skandal!«

Leise sprach die Schwester mit dem Johanniter. Der Oberstabsarzt, der die Geschichte verpaßt und eben erst wiederkehrte, schenkte sich, hinter dem Kreis um das Feuer, an der Tafel ein Glas ein. Da nun der Oberstleutnant sich – mehr aus Angewohnheit – die feinen, stets wärmebedürftigen Hände rieb, so sprang der Zahlmeister auf, ein neues Scheit Holz auf die ersterbende Glut im Kamin zu werfen. Doch Oberstleutnant Runge meinte in seiner leisen, bedächtigen Sprechweise, indem er den Eifrigen dankend zurückhielt: »Ich glaube, es ist nicht mehr nötig. Es ist schön spät. Wir brechen ohnedies bald auf!«

Der Oberst hatte es gehört, zum wenigsten die letzten Worte, und sich bedroht fühlend in der Länge der Abendsitzung, erhob er die Stimme: »Aber, meine Herren, jetzt fängt es erst an gemütlich zu werden. Und eine ganze Reihe von Ihnen ist uns noch eine Geschichte schuldig. Erzählen! Meine Herren, erzählen!«

Er blickte sich um, als wollte er feststellen, wer sein Scherflein zur Unterhaltung noch nicht beigetragen. Dabei klatschte er fröhlich in die Hände.

Leutnant Eschborn, der wahrhaftig im Halbdämmer auf dem Flügel des Kreises vor den Flammen eingenickt war, fuhr erschrocken aus seinem Stuhl auf. Das war dem Kommandeur gefunden. Er lachte, schlug abermals laut schallend die Handflächen zusammen und rief: »Was, Eschborn? Ich glaube gar, der Herr Leutnant haben ein kleines Nickerchen gemacht? Oho! Sozusagen vor versammelter Mannschaft?«

Oberst von Kranich hielt inne, denn in dem Augenblick klang so gewaltig das Dröhnen einer krepierenden Granate durch die stille, träumende Nacht, daß die Fenster leise klirrten. Eine Sekunde darauf krachte, splitterte es von zerspellten, brechenden und niederstürzenden Ästen im Park. Die Herren rührten sich nicht auf ihren Stühlen, durch die Gewohnheit abgestumpft, wie man im Gewittertoben höchstens, wenn Blitz und Donner fast zusammen zucken und schmettern, etwa zu sagen pflegt, das sei ganz nahe gewesen. Sie horchten nur auf, und jemand meinte gleichsam so nebenbei:

»Vom Mont Saint-Valérien!«

Doch wenige Augenblicke darauf erhob sich abermals ein fürchterliches Getöse, diesmal ein Prasseln wie von Steinen. Unwillkürlich waren etliche aufgestanden, durch die hohen Scheiben in die Nacht hinauszuspähen. Da rief Leutnant Eschborn, nervös und eschrig wie immer, daß seine Worte sich nur so überstürzten:

»Der Neptun! Der Neptun ist futsch!«

Nun ließen auch die andern ihre Sitze, das Unheil anzusehen. In der Mondnacht, vom Schneeleuchten doppelt klar, gewahrten sie die Zerstörung, die ein paar der Riesenzuckerhüte angerichtet: ein gewaltiger Baumstumpf ragte in hellen Holzsplittern, gleich gotischem Fialenwerk, in die eiskalte Luft, während Stamm und Äste in schwärzlichem Gittergewirr quer über dem schneebedeckten Weg lagen. Der Neptunbrunnen war wild durcheinander geworfen, das Becken aufgebrochen, das Wasservolk in alle vier Winde zerstreut, und von ihrem Gebieter in der Mitte, der so stolz seinen Dreizack geschwungen, sah man nur noch die Beine bis zum Knie, als habe er dort seine Kanonenstiefel in der Eile stehen lassen.

Nun erwarteten sie im Grunde alle den nächsten Eisengruß, der etwa das »Château« getroffen hätte, und wohl jedem kam der Gedanke an die Erzählung der Gräfinschwester, wie die Franzosen begonnen, sich einzuschießen auf den hochgelegenen Friedhof, wo der Hauptmann beobachtend, seine Leute zu schützen, den Tod gefunden fürs Vaterland. Doch wenn auch das Dröhnen immer weiter die dünne, klare, eisige Luft der Nacht zum Schwingen brachte: in unmittelbarer Nähe schlug keine Granate mehr ein. So fanden die elf der Tafelrunde sich allmählich wieder am Feuer zusammen. Ein Schlafbedürfnis, dem stattzugeben der Oberst auch nicht geduldet hätte, war gewichen; die letzten Riesengeschosse vom St. Valérien, und dadurch die Wahrscheinlichkeit, daß in unmittelbarer Nähe abermals ein Ausfall vorbereitet werde, vielleicht sogar die Geschichten, die zum besten gegeben worden, mochten die Herren erregt haben. Man ahnte Alarm, und nun zeigte nicht einmal Oberstleutnant Runge sich geneigt, zur Ruhe zu gehen. Es wäre vielleicht nur auf Minuten gewesen.

Da entsprach es dem Wunsche aller, daß der fahrige, unruhige Eschborn fragte:

»Darf ich etwas … etwas ganz anderes zum besten geben? Was die Herren erzählten, war so fein, so gesund und famos, so edel, so lustig und so ergreifend, daß ich mir erlauben möchte, mal einen andern Ton anzuschlagen.«

»Was denn?« klang des Leutnants von Krebs neugierige Stimme.

»Das werdet Ihr sehen! Gestatten, Herr Oberst?«

»Natürlich! Famos! Schießen Sie los, Eschborn! Aber, lieber Heydrich, erst schenken Sie mir noch ein Glas ein!«

Der Adjutant ging mit der Flasche zum Obersten von Kranich, dann von einem zum andern. Die Kerzen, die auf dem Tisch hinter den Herren in ihren Flaschenhälsen brannten, warfen auf die Köpfe einen gespenstigen Schein, und von draußen sah man das fahle Leuchten der Schneenacht, ab und zu durch das grelle Licht krepierender Geschosse erhellt. Dumpf klang Kanonendonner, die tägliche Musik der Belagerer, während der Erzählung des jungen Offiziers anschwellend, näher, gewaltiger, daß die Glasscheiben des Saales leise klirrten.

Die Hand

Von etwas ganz Seltsamem möchte ich erzählen, etwas Gräßlichem und Unerklärlichem zugleich. Und dennoch genau so geschehen, wie ich es mitteilen will. Hätte ich es nicht selbst erlebt und mit eigenen Augen gesehen – ich würde es nicht glauben. Sobald Sie, gnädigste Schwester und meine Herren, was ich berichte, zu Ende gehört haben, könnte ich mich nicht wundern, wenn ich in Verdacht käme, kurz vor dem Ereignis einen Weinkeller entdeckt oder sogar nur geträumt zu haben. Wahrhaftig, zu beidem war keine Möglichkeit, denn es geschah an jenem Tag von Grigneux-les-avants, wo unser Regiment die stärksten Verluste hatte im ganzen Feldzuge bis heute. Das lange Liegen in Reserve, endlich der Sturm auf das brennende Dorf und jenes Gemetzel von Hof zu Hof, von Haus zu Haus – Gemetzel nannte es der Herr Oberst selbst – ist Ihnen ja allen noch im Gedächtnis. Für unsere Gäste, die den blutigen Tag nicht erlebt haben, möchte ich nur mit ein paar Worten die Situation nach dem Gefecht erklären:

Wir standen auf dem äußersten rechten Flügel. Der Vormarsch sollte auf der weit links, das Zentrum der Stellung durchschneidenden schnurgeraden Chaussee stattfinden, die nach Sedan … wie meinen, Herr Oberstleutnant?… ach so, jawohl, also die nach Paris führt. In geradezu kopfloser Flucht hatte der Gegner nach heldenmütigem Widerstand Grigneux- les-avants verlassen. War vorher jede Hecke, jede Gartenmauer wütend verteidigt worden, so schien nun mit einem Mal aus den Helden, wie wir die Franzosen, die uns gegenüberstanden, wohl nennen dürfen, eine disziplinlose Horde von Räubern geworden zu sein. Ja, Räubern, denn die Überlebenden aus dem ›Gemetzel‹ benahmen sich nicht anders. Offiziere schienen sie nicht mehr zu haben, die waren verwundet oder gefallen, und als wir nun Herren des Dorfes geworden, kam über den Rest der Rothosen, Linieninfanterie und Zuaven, das Sauve-qui-peut, panikartig sich verbreitend. Als ob ein Signal gegeben worden wäre, rissen die Kerls plötzlich aus dem letzten Verhau an der Straße aus. Wir sahen, wie sie den gefallenen Kameraden die Feldflaschen vom Riemen schnitten. Sie schmissen die Gewehre fort, sie rannten um die Wette.

Bald blieb das brennende Dorf hinter uns. Wir waren den Fliehenden hart auf den Fersen. Alles drängte dem Zentrum, der großen Chaussee zu, der Fluchtlinie der Franzosen, auf der sie am schnellsten vorwärts kommen konnten, der Etappenlinie für uns. Grigneux-les-avants lag nun ganz verödet auf dem rechten Flügel, nichts davor, nichts hinter dem Dorf. Und da fast allein die kahlen Mauern der abgebrannten Gehöfte gen Himmel ragten, die Einwohner aber schon vor dem Gefecht die Ortschaften der ganzen Gegend verlassen hatten, so schien es allein den Toten zu gehören, denn die Verwundeten waren im Laufe des Nachmittags auf der ›Grande Route‹ in die Feldlazarette zurückgeschafft worden.

Als das rauchende Grigneux-les-avants längst unsern Augen entschwunden war, wurde haltgemacht. Die erschöpften Mannschaften warfen sich hin, wo es eben war. Kleine Kommandos gingen Wasser holen. Die andern lagen todmüde im Straßengraben. Nur ab und zu tauschten sie siegesfrohe Zurufe mit Kameraden, die auf der rechten Straßenseite Trupps von Gefangenen zurückführten: einzelne wilde, wütende, finstere Kerls, meist aber dumme französische Bauernjungen, denen man vom Gesicht zu lesen glaubte, daß sie eigentlich mit ihrem Schicksal nicht weiter haderten, denn sie hatten genug vom Schießen und Laufen. Sie sahen verhungert aus und verlangten vor allem zu trinken.

Nun, wir, die dritte Kompagnie oder vielmehr, was von uns noch übrig war, konnten ihnen nicht helfen, denn eben kam der Befehl: ›Dritte Kompagnie zurück nach Grigneux-les-avants, die Gefallenen zu begraben.‹ Das traurigste, das schwerste Kommando und doch das ehrenvollste: den Brüdern ein ehrliches Grab bereiten! Wer hätte es sonst tun sollen? In Grigneux- les-avants war niemand, niemand als die Toten. Und weit ab der Etappenlinie – kam auch sobald wohl keiner hin. Sollten wir sie den Tieren überlassen?

Ich führte die Kompagnie. Der Hauptmann war schon verwundet. Der Premierleutnant, unser lieber Mahlknecht, tot. Wir marschierten die ›Grande Route‹ zurück, und jetzt erst sah ich mit wachen Augen, was um mich war, denn das erstemal, als wir ihr gefolgt, war in uns noch die Kampfeswut gewesen und der Gedanke: Gefangene machen, sie aufreiben, sie nicht zum Sammeln kommen lassen! Vor und hinter uns zogen Trupps von Gefangenen, zu Tode ermattet, manchmal angetrieben von irgendeinem Unteroffizier, der im Recht war, zu fluchen, zu hetzen, denn schon sank die Sonne, bisweilen aber auch von einem blonden, grobknochigen, norddeutschen Bauernsohn, das schwarze Turkogesindel, die gelben dunkeln Rothosen um Haupteslänge überragend, sie betreuend wie eine Mutter. Sie kriegten Verbandzeug, einen Schluck aus der Flasche, ja, ein braver Pommer hatte einem französischen Spahioffizier, der humpelte, sei es, daß er angeschossen war oder des Gehens so ungewohnt, fast respektvoll wie einer Dame den Arm gereicht.

Rechts und links der Straße lagen Protzen, demontierte Mitrailleusen, Fouragewagen mit Achsenbruch, die Räder flehend gen Himmel gestreckt, Tornister, Koppel, Epauletten, da ein Feldstuhl, ein Köfferchen, dort Spielkarten, in alle Winde geblättert, ein Toilettennecessaire mit allen möglichen Bürstchen und Fläschchen, fortgeworfene Gewehre, Patronentaschen und auch hier und da Leichen der Gefallenen. All das war gewaltsam beiseite geräumt worden, die Straße freizumachen für die flüchtende Armee.

Bald bogen wir ab, dem immer noch glühenden, schwelenden Dorf zu, aus dessen in Brand geschossenen Häusern ab und zu hoch die Flammen emporschlugen. Krachend, prasselnd stürzten Balken nieder, und eine Sternensaat von Funken schoß empor, um bald wieder dumpfem Qualm zu weichen, der als schwere Wolke über dem Dorf lagerte. An dem windstillen Tage fand er sich nicht fort. Er verdunkelte die Luft, je näher wir kamen, und immer stärker wuchs der Dunst von Rauch und der Geruch nach verbranntem Menschenfleisch und nach Blut. Schon auf den zertretenen und zerstampften Wiesen und Feldern vor dem Dorfe fanden wir Tote. Keine Verwundeten mehr. Die Krankenträger hatten bereits alles abgesucht. Wir trugen die Gefallenen in einen Garten, der hinter dem verbrannten Haus, zu dem er gehörte, fast unberührt mitten in all der Zerstörung lag, wie ein kleines Eden. Nach ein paar Fußtritten stürzte der zierliche Zaun um, dann häuften wir die Leichen unter dem friedlichen Grün der Bäume. Ein wenig welk waren die Blätter wohl, verdorrt, versengt, ängstlich zusammengerollt, als hätten sie sich schützen wollen vor der dörrenden Hitze des brennenden Dorfes. Auf Blumen betteten wir links die Franzosen, auf Blumen rechts unsere Kameraden. Und mancher meiner Leute fand just den braven Jungen wieder, neben dem er wochenlang in Reih und Glied marschiert. Aber wenn er auch dem Freunde vielleicht die starre gelbe Hand zum letztenmal noch drückte, zu Jammern und Wehklagen war keine Zeit. Wär auch eines preußischen Soldaten nicht würdig gewesen.

Also rechts lagen die Preußen, links die Franzosen, und da nicht viel Platz war, eng gebettet, ja wohl fast übereinandergeschichtet hier und da. Nun galt es, das Grab schaufeln. Ein gemeinsames, großes. Ich bestimmte dazu das Feld, das dicht an den Garten stieß, damit wir sie nicht weit zu tragen hätten. Und während meine Leute hackten, gruben, schaufelten, ging ich mit dem Feldwebel noch einmal durch die glimmenden, wie ein Meiler rauchenden Trümmer des Dorfes, um nachzuforschen, ob auch kein Toter übersehen worden. Furchtbar sah es da aus. Auf der Straße, – es hatte ja die Tage vorher geregnet – liefen Fußspuren durcheinander, etwa wie an einem Markttage. Tief waren die Gleise der zurückgeschleppten Geschütze eingeschnitten. An einzelnen Stellen lagen Sprengstücke umher, Blindgänger guckten aus dem Boden gleich Spargelköpfen, Blutlachen, erstarrt, aber dunkelrot, als sei da ein Tier geschlachtet worden. An den abgedeckten, eingerissenen Mauern sah man die Spuren der Arbeit der Verteidiger, die sich Schießscharten ausgesprengt, an den zerschossenen Fenstern, den zerbrochenen Toren und Türen die Gewalt, mit der unsere Leute sie eingerannt. In der ärmlichen Dorfkirche, durch deren Dach unsere den Sturm vorbereitenden Granaten geschlagen waren, trauerte der Altar am Boden, die Wände waren mit Löchern förmlich gemustert. Aber unsere Leute hatten gute Arbeit getan: Wohl lagen Montierungsstücke umher, Patronen, Gewehre, aber wir fanden keinen Gefallenen. Freilich, was da etwa unter den Trümmern, unter Asche, Balken, Steinen der Häuser lag? Wie sollten wir da suchen? Und wenn es Kameraden gewesen wären? Wir hatten keine Zeit! Ich hatte den Befehl, für die Nacht Ortsbiwak zu beziehen mit meinen Leuten, und am nächsten Morgen sollten wir auf der ›Grande Route› zum Regiment stoßen.

Aber erst galt es, die Toten zu begraben. Als ich zurückkam an den Garten, hatten die Leute ihre traurige Arbeit schon fast beendet. Der für das Massengrab abgesteckte Raum war beinahe ausgeschaufelt. Freilich nur eben tief genug, die gefallenen Kameraden, in der Mutter Erde gebettet, dem Licht des Lebens zu entziehen. Ich trug Bedenken: die Grube schien mir gar zu flach … aber meine Leute hatten einen schweren Gefechtstag hinter sich, vorher einen gewaltigen Marsch, heute Verfolgung, Rückmarsch, und morgen mußten wir schon vor Tagesanbruch stellen, sonst erreichten wir am Ende das Regiment nicht mehr. Immerhin mahnte ich noch einmal, und die Kerls fingen wieder an zu schaufeln, während dicht neben ihnen, nur durch die Trümmer des niedergetretenen Zaunes getrennt, die Reihe der Gefallenen lag, die Füße uns zugewendet wie eine Mauer von Stiefeln.

Ich blieb bei der klirrenden, stumm getanen Arbeit stehen und starrte hinaus dem Laufe der ›Grande Route‹ entlang, ein paar einzelne Bäume mir einzuprägen als Richtpunkte für den Marsch morgen früh. Tiefes Schweigen lag über der Ferne, kein Schuß, kein Laut auch nur, der die Anwesenheit zweier Armeen verraten hätte. Da, wie ich so hinüber sah, gerade über die gelben, in der Abendsonne leuchtenden Halme eines Kornfeldes hinweg, fiel mir irgend etwas auf. Es flimmerte. Ich blickte schärfer hin: etwas blitzte. Nun war es verschwunden. Doch im gleichen Augenblick zuckte es wieder auf: etwas Glänzendes, darauf ein letzter Sonnenstrahl fiel. Da mit einem Male hatte ich es erkannt, und zugleich zeigte der Feldwebel hinüber mit den Worten:

›Herr Leutnant – eine Hand!‹

Wahrhaftig, eine Hand. Eine dunkle, sonnenverbrannte Männerhand. Daran blitzte ein Ring, auf den das Licht fiel. Die Hand ging leise hin und her. Nein. Ein Irrtum. Im Abendwind neigten sich nur die Halme. Zugleich eilten der Feldwebel und ich hinüber. Und ich gestehe es ruhig, mir war ein wenig eigen zu Sinn. Wie ein Winken schien es mir, ein grausiges Winken, denn diese Hand, wir sahen es, je näher wir kamen, diese Hand, gelbbraun mit den blutlosen Nägeln, gehörte einem Toten. Einen Augenblick darauf löste sich das Rätsel: das Kornfeld, in dessen Ähren wir uns der gespenstischen Hand genähert, lag tiefer als der nächste, daran stoßende Acker. Auf dem Feldrain nun ruhte ein gefallener französischer Offizier. Sein Gesicht war durch den Tod entstellt. Der Feldwebel sagte: ›Der liegt schon länger, Herr Leutnant!‹

Und er deutete auf die Spuren der Zersetzung. Vielleicht war der Franzose bei einem Patrullengefecht am Tage vorher gefallen, möglicherweise von einer verirrten Kugel getroffen. Oder – wer mochte es wissen – die Sonne hatte das Werk der Zerstörung beschleunigt, sie, die den Lebenden doppeltes Leben bringt, den Toten doppelt schnelles Verschwinden. Nun löste sich auch das unheimlich Gespenstische der emporgehobenen Hand: an einem Grenzstein am Felde lehnte sie, durch ihn war sie noch in der Erstarrung aufrecht festgehalten worden. Der Ring aber daran trug keinen Stein, wie ich zuerst gemeint, sondern war ein einfacher goldener Reif. Auf dem Golde hatte die Sonne geblitzt, ohne die wir ebensowenig etwas von dem Gefallenen bemerkt hätten wie vielleicht hundert andere zuvor, die in unmittelbarer Nähe – die niedergetretenen Halme bewiesen es – fliehend oder verfolgend vorübergekommen waren.

Eben wollten wir beide den Toten aufheben, ihn zum Massengrabe hinüberzutragen, als ich auf der linken Manschette etwas gekritzelt fand. Nur wenige Worte, schwer zu entziffern. Endlich las ich: ›Prière d'envoyer ma bague à …‹ ›Bitte, meinen Ring zu senden an …‹ Damit brach es ab. Ich übersetzte es dem Feldwebel, und wir suchten nach dem Bleistift. Da lag er, der Hand entfallen, im Grase. Mir war ganz bewegt zu Sinn, zugleich schmerzte es mich, des toten französischen Kameraden Wunsch nicht erfüllen zu können. Der Feldwebel öffnete die von einer Kugel zerfetzte Uniform – kein schöner Anblick eben, denn der Tote ging schon in Verwesung über. Doch keine Brieftasche, nichts war zu finden, das uns den Namen genannt hätte. Einen Augenblick überlegten wir, doch es mußte gehandelt sein. Die Sonne sank. Da ergriff der Feldwebel die erstarrte Hand und mühte sich, den Ring abzuziehen. Es wollte nicht gehen. Er versuchte es noch einmal, mit aller Gewalt, so daß ich es ängstlich verbot, denn ich fürchtete, er möchte ihm den Finger abreißen. Der Feldwebel meinte – und es entsprach ja eigentlich auch meinem Gefühl – man müsse ihm doch den letzten Wunsch erfüllen! Aber Zeit war nicht zu verlieren, so trugen wir den Toten hinüber zum Massengrab. Dort aber lagen die Gefallenen schon so eng, daß kein Platz mehr für ihn war. Die Leute schaufelten auch bereits die Grube zu. So ließen wir den Offizier liegen, bis die trübe Arbeit beendet wäre. Ich stand dabei, wie die Erdklumpen prasselten und die Schollen flogen und der endlose Hügel sich wölbte, anzuschauen wie jene langgestreckten Erdhaufen auf herbstlichen Feldern, in denen die Bauern die Kartoffeln überwintern. Ich stand dabei, und immer fiel mein Auge auf den französischen Kameraden in den zertretenen Blumen des Gartens, den erstarrten Arm erhoben mit der gelbbraunen Hand, an der jener Ring blitzte, nach letzter Bitte zurückzusenden. Wem? Einer Dame? Seiner Frau vielleicht? Da trat ich noch einmal heran. Nein, ein Ehering war es nicht. Gewunden schien er, und wie ich mich niederbeugte zu der gespenstisch wie im Schwur erhobenen Hand, erkannte ich, daß Gestalten darauf waren, zwei Körper, fein in Gold ziseliert, Mann und Frau, ein Ritter und eine Edeldame, rund um den Ring. Sie streckten sehnsüchtig die Arme nacheinander aus. Das Weib hatte die Augen geschlossen, als handele es nur im Traum, gleichsam ohne zu wissen, was es tat. Er aber schlug groß die Lider auf. Fast berührten sich ihre Fingerspitzen. Fast. Nicht ganz, denn zwischen ihnen – die einzige Stelle, wo der Ring durchbrochen schien – blieb ein leerer Raum. Sie konnten zueinander nicht kommen.

Ich war so vertieft gewesen, die Rätselgestalten auf dem Ringe zu deuten, daß ich erschrocken aufsah, als die Stimme des Feldwebels neben mir klang. Er meinte wiederum, man müsse den letzten Wunsch des Gefallenen erfüllen. Nun wurde ich selbst ganz erregt darüber: wie? Ja, wie denn nur? Schon höhlten die Leute eine flache Orube für den Letzten, den toten Offizier. Und dann packten sie ihn, und müde, von der traurigen, ekeln Arbeit abgebrüht, vielleicht auch wegen des vorgeschrittenen Verwesungszustandes, warfen sie ihn hastig in das Loch. Wiederum war es nicht tief genug, wie mir schien. Wie sie die Erde darauf häuften, blieb, noch lange nachdem der Körper schon zugeschüttet, die aufgehobene Hand mit dem Ringe grausig stehen, als wolle der Tote an seine letzte Bitte erinnern. Das quälte mich so, daß ich befahl, den Gefallenen wieder auszugraben. Die Grube mußte tiefer sein. Da geschah etwas Gräßliches. Ein riesiger Tambour, wie wir wußten ein rüder Kerl, sprang mit einem Male wütend zu: ›Warte, dir wollen wir schon helfen!‹ Ehe ich es hindern konnte, hatte er den Arm gepackt, mit der Gewalt seiner mächtigen Fäuste niedergezwängt und unter den Körper des Toten gedrückt. Ich stellte den Tambour zur Rede, aber es hatte geholfen: von der Hand war nichts mehr zu sehen. Die Schollen fielen, der Hügel türmte sich. Die Arbeit war beendet. Ein paar roh zusammengezimmerte Kreuze und Tafeln, halb verkohlt, denn kein Stück Holz war in Grigneux-les-avants unversehrt geblieben, wurden auf den Hügeln in die Erde gesteckt, nur mit der Anzahl der Toten und dem Truppenteil. Bei den Franzosen, so gut wir es eben wußten.

Die schreckliche Arbeit war beendet. Ich ließ antreten, und durch die noch immer glimmenden, rauchenden Trümmer des Ortes marschierten wir zur Kirche. Darin sollte biwakiert werden. Vorposten wurden eingeteilt. Ich ging mit ihnen, um sie selbst aufzustellen. Währenddessen streckten sich die Leute hin. Bänke, Altarstücke mußten als Kopfstützen dienen. Bald lag alles in tiefem Schlummer, denn da wir nichts zu essen hatten, die Brotbeutel leer, die Taschen noch leerer waren, konnte nicht abgekocht werden. Auch zu trinken gab es nichts, denn die Franzosen hatten, ehe sie das Dorf aufgeben mußten, in sinnloser Wut die Brunnen verunreinigt. Da man nun gerade an jener Stelle, wo das Massengrab lag, den weitesten Überblick hatte, so stellte ich dort den Schnarrposten auf. Er kam an einen Feldweg zu stehen, etwa zwanzig Schritte nur vom Einzelgrabe des französischen Offiziers, dessen Hügel sich vor dem andern langgestreckten wölbte. Ich instruierte den Mann über das Terrain, zeigte ihm noch einmal, wo etwa in der Ferne die Grande Route lief und wahrscheinlich das Regiment Biwak bezogen hatte. Freilich, viel konnte man nicht sehen, denn die Dunkelheit war schon zu tief. Nur die hellere, frisch geschaufelte Erde von den Gräbern schimmerte herüber, vom halben Schein der noch immer schwelenden Balken der eingestürzten Dachstühle bestrahlt. Dann kehrte ich todmüde zur Kirche zurück, wo wild durcheinander die Leute in totengleichem Schlummer am Boden lagen. Die ewige Lampe, aufgefüllt oder noch mit einem Rest von Öl, das einzige fast, das der Wut unserer Granaten nicht zum Opfer gefallen war, brannte in rötlichem Schein, eben noch hell genug, um unfern der Tür das letzte freie Plätzchen zu zeigen.

Ich streckte mich aus, öffnete die Kragenheftel, lockerte den Säbelgurt und legte den Kopf auf den Arm. Aber seltsam: ich konnte nicht einschlafen. Immer dachte ich an die Hand, die so gespensterhaft über den Halmen erhoben mir entgegensah mit dem Blitzen des Ringes, als wolle sie mahnen an des Sterbenden letzten Wunsch. Sie stand vor mir, die braungelbe Hand, sobald ich die Augen schloß, und wenn ich sie öffnete, war es mir, als sähe ich sie über all den in rötlicher Halbdämmerung auf dem Boden der Kirche Ruhenden erhoben. Sie verfolgte mich wie Alpdrücken. Die Vision quälte mich mit ständiger Gegenwart. Die Bilder des Tages, alle Szenen des Gefechtes beschäftigten noch meine Phantasie, denn, Herr Oberst, ich bin ein junger Offizier, und es ist mein erster Feldzug, aber immer, immer wieder quälte mich die Hand, die überall emporragte, als fände sie keine Ruhe im Grabe. Da suchte ich die Gedanken abzulenken, indem ich allein an den Ring dachte, mit seinen sehnsüchtig ausgestreckten Gestalten, die sich einander näherten und doch geschieden schienen, symbolisch getrennt durch einen Einschnitt im Ring. Ich sah die geschlossenen Augen des Weibes, ich sah die zu ihr aufgeschlagenen des Mannes. Allerlei Vermutungen kamen mir. Irgendein Geheimnis fühlte ich, und wirklich, durch andere Gänge der Gedanken, bannte ich so die quälende Gegenwart der Hand. Nur einschlafen konnte ich nicht. Immer kam mir wieder die Frage: wer mochte jene sein, der sein letzter Wunsch gegolten, jenes Mädchen, von dem er geschieden war, wenn ich den Ring recht verstand, durch die auf dem Ring angedeutete Kluft. Meine Einbildungskraft sah sie vor mir – warum, vermöchte ich nicht zu sagen – mit tiefdunkeln Flechten um den runden Kopf gesteckt, und unter den hochgeschwungenen Augenbrauen waren die Lider geschlossen wie auf dem Ring. Aber – seltsam – Haar und Züge glichen denen des toten französischen Offiziers. Meine Gedanken verwirrten sich, ich schlief ein.

Als ich aufschreckte, erblickte ich das rote Dämmerlicht der ewigen Lampe über den Schläfern, die den ganzen Raum der kleinen Kirche füllten. Bleierne Müdigkeit lag auf mir, und doch konnte ich nicht wieder einschlafen. Ich dachte an die gespenstische Hand, und es half mir nichts, daß ich mir sagen mußte, wie ein natürlicher Vorgang mir nur rätselhaft wurde durch die Einbildung. Ich blickte nach der Uhr. Noch eine Stunde, bis wir stellten zum Abmarsch. Ich erhob mich. Vorsichtig über die Körper meiner Leute steigend, gewann ich den Ausgang. Es war stickig heiß in der kleinen Kirche gewesen: die glimmenden Gehöfte rundum heizten bei der lauen Nacht nach heißem Tage, dazu verdarb der Atem so vieler Menschen wie der Brandgeruch, der über dem ganzen Dorfe schwebte, die Luft. Draußen blickte ich mich um. Nicht finster mehr war die Nacht wie gestern am Abend, zwar zogen schwere schwarze Wolken am Himmel hin, doch die schwellende Mondessichel leuchtete nieder. Das Dorf lag in tiefem Frieden, auch das Feuer schien erstorben. Wir hatten noch gestern abend nach Kräften gelöscht durch Einreißen der Trümmer und indem wir Erde auf die Brandstätten warfen, wenigstens in der Nähe der Kirche. Als nun aber der Mond hinter einer jagenden Wolke sich verbarg, es plötzlich finster wurde, da glühte und glomm es geheimnisvoll in den schwelenden Trümmern. Und mir kehrte dabei jäh die Erinnerung zurück an das, was mich gleich einer Zwangsvorstellung bis zum Einschlafen gequält: die Hand mit des Ringes Leuchten.

Der Posten, der die Kirche umschritt, damit nicht etwa wieder lebendig gewordene Glut die Schlafenden bedrohe, kam eben bei seinem Rundgang an mir vorüber und machte Ehrenerweisung. Ich fragte, ob er Schüsse gehört – nein. Dann ging ich langsam die breite Dorfstraße hinab bis zur Feldwache. Ab und zu warf der Mond seine Schleier ab, aber auf Sekunden nur, dann hatten ihn die vor dem Sturm dort oben segelnden Wolken überdeckt. Der Sergeant meldete, daß vom Feinde nichts erblickt worden war – wie nicht anders zu erwarten, mochte er doch meilenweit auf der Grande Route entflohen sein. Auch Geschützfeuer hatten sie nicht gehört. Aber … aber … und der Sergeant sprach leiser, schneller, wie um etwas zu sagen, was kein anderes Ohr hören sollte. Zuerst verstand ich ihn nicht. Ich ließ wiederholen, und er meldete: es sei etwas Seltsames geschehen, etwas Schauerliches. So stark schien er davon gepackt, daß aus dem Ton dienstlicher Meldung mehr Erzählung wurde und Geständnis:

›Herr Leutnant, als ich den Schnarrposten ablöste um eins, war der Mann janz … na … fast wie'n Soldat eigentlich nich sein darf. Müller II war's. Der ist ja nu so'n bißcken dumm, Herr Leutnant. Sagt der da zu mir, der eine der Toten, den wir jestern begraben haben, der wäre jar nich tot. Ick sage zu ihm: »Müller!« sage ich, »Sie sind 'ne rechte Bangebüchse, wie soll denn dat sint? Ick habe sie doch alle jesehen und der Herr Leutnant ooch!« Er sagt nee, der könne nich tot sein … der eene! Warum? »Nu, wenn er mir jewinkt hat!« »Jewinkt hat er Sie?« sage ich. Und ick höhne ihn noch: »Mit wat denn?« Und Müller II antwortet und macht jroße Oogen und blickt sich um: »Mit die Hand! Ja wahrhaftig, mit die Hand aus dem Jrabe raus!« Ick sage zu ihm: »Junge, laß dir nich auslachen!« Aber der Mensch zittert am janzen Leib, und, Herr Leutnant, der Müller II, wenn er ooch nich gerade sehr wif ist, jeschlagen hat er sich wie der Deubel – ick bin doch beim Sturm auf das Lausenest immer neben ihm jewesen. Sofort kehr ick also mit ihm um; wenn eener die Hand aus dem Jrabe streckt, wird sie wohl noch da sein, denn er will doch raus! Wir kommen zum neu anjetretenen Posten, und da sah ick schon, wie ooch er dasteht, als ob Gott weiß was passiert wäre. Ick schiebe die beiden Kerle beiseite: »Na, wo is' denn nu der Kinderschreck, wat?« Aber Herr Leutnant, ich bitte jehorsamst um Verzeihung … Herr Leutnant wahrhaftig, die Hand is da. Keen Zweifel kann nich sein. Aus dem Jrabe sieht sie raus, aus der Erde und … und sie bewegt sich …‹

Ich sprach kein Wort, sondern lief voraus die paar Schritte bis an die Gräber. Die Wolken hatten wieder den Mond verdeckt, es war undurchdringliche Nacht. Der Posten, der uns nicht sehen konnte, denn hier glühten keine glimmenden Trümmer, rief uns an, als er Tritte hörte: ›Halt, wer da?‹ Meine Augen suchten in der Finsternis die Gräber. Es war nicht möglich, etwas zu erkennen. So tastete ich mich hin. Da. Halt. Da war das noch stehengebliebene Stück Zaun und da die Latten am Boden, die wir niedergebrochen hatten, und – halt, beinahe, als ich ausschritt, wäre ich der Länge nach hingefallen – ich stieß an etwas, eine Stufe, eine Bodenerhöhung – das Grab. Ich tastete daran hin; war ich soweit seitwärts abgekommen? Es war das lange, das Massengrab. In diesem Augenblick wurde es heller, als ob einer mit der Lampe ins Zimmer tritt. Ich blickte unwillkürlich auf: da lugte der Mond durch das Gitterwerk der Wolken. Als ich die Augen wieder senkte, sah ich erst, wie lächerlich weit ich vom einzelnen Grabhügel; zu dem ich natürlich gewollt, abgekommen war. Langhin streckte sich der Totenwall, auf dem das rohe Kreuz und die Bretter mit der Inschrift im Mondlicht leuchteten. Und drüben erst erhob sich der einzelne Hügel. Darauf glänzte etwas: das Holz mit der Bezeichnung, hier läge ein französischer Offizier? Ja – nein – und doch – nein daneben, nicht so hoch, dicht über dem frisch aufgeworfenen Erdhaufen gewahrte ich etwas, etwas – – – ja unzweifelhaft: eine Hand. Bis zum Daumenansatz steckte sie in der Erde. Und da – eben schien das Mondlicht besonders hell: blitzte der Ring.

Der Sergeant sagte: ›Sie hat sich bewegt!‹

Und doch mochte es gewiß nur so scheinen, weil wir einen Schritt weiter rechts getreten waren und dort das Licht anders fiel. Aber ich konnte den Gedanken nicht bannen, so lächerlich, so unmöglich er war: der Tote habe aus dem Grabe heraus uns an seinen letzten Wunsch erinnern wollen. Unerklärlich blieb es immer, denn der französische Offizier war tot. Bestimmt, bestimmt tot. Doch nun gab es keinen Zweifel: wir mußten das gespenstische Wunder lösen, mußten das Grab öffnen. Ich ging darauf zu, und vor meinen Augen stand immer deutlicher, immer größer jene Hand, die mich am Abend verfolgt gleich einem Alpdrücken, wie ich ärgerlich meinte, eines preußischen Offiziers unwürdig. Die Hand wuchs, der Ring blitzte. Nun stand ich fast daneben. Da wurde es just in dem Augenblick, als ich sie sah, die Hand, als ich sie wirklich sah, jäh dunkel: der Mond war durch eine stürmische Wolke überrannt worden. Und noch im Schreiten stieß ich an den Erdhaufen, kippte vornüber und, unwillkürlich die Arme beim Fallen vorstreckend, sank meine linke Hand tief in die frisch aufgeworfene, noch weiche Erde. Die Recht aber traf tastend etwas… etwas… Steifes und doch etwas, das federnd ausbog unter dem Druck: die Hand.

Ich gestehe es ohne Scham, mit einem Ruck fuhr ich zurück, und mir lief eine Gänsehaut über den Rücken. Ich ließ Schanzzeug holen. Während der Sergeant fort war, stand ich regungslos am Grab, in dem der französische Kamerad lag – tot – tot – unweigerlich tot. Aber die Hand? Immer kehrte der unmögliche Gedanke wieder: er hatte mahnen wollen, seine letzte Bitte zu erfüllen. Lächerliche, alberne Gedanken, erzeugt von der halb schlaflosen Nacht, den angestrengten Wochen vorher, der ungewöhnlichen Lage … was weiß ich. Als der Sergeant mit noch zwei Mann wiederkam, trat der Mond eben ruhig und klar aus den Wolken. Und nun sah ich den Arm aus der Erde wachsen und den Leib. Die gräßlichen Dünste schlugen uns entgegen, des Körpers, der wieder zu dem wird, davon er genommen. Nein, hier konnte ein Zweifel nicht sein: in diesem Menschen war kein Leben mehr. Wir hatten hastig gearbeitet, hielten inne, und der Sergeant blickte mich an, als wollte er sagen: Nee, Herr Leutnant! Der rührt sich nicht mehr! Nun mußten wir den Körper, nachdem die Grube ein wenig tiefer gehöhlt worden, der Erde wieder übergeben. Aber sollte ich ihm ein zweites Mal seinen Wunsch nicht erfüllen? Es schien mir unmöglich. Und ich überlegte auch nicht, daß es ja doch nichts helfen würde, ihm den Ring abzuziehen, denn wem ihn senden? Ich erzählte von dem Zettel, den wir bei dem toten Offizier gefunden. Sofort griff der Sergeant zu und versuchte, den Ring abzustreifen. Unmöglich: die Hand war gedunsen wie der ganze Leib des Gefallenen. Der Sergeant wußte Rat. Von Skrupeln und Zweifeln sind Leute, die – er war Ackerknecht gewesen – heute ruht er vor Sedan – ich meine Leute, die mit allem Natürlichen dieser Erde zu tun gehabt haben, nicht geplagt wie zartfühlende Städter und – wir. Irgendwo hatte er eine Feile gesehen. Die ging er holen. Ich hinderte ihn nicht. Als er dann das Gold durchsägt hatte, gab er mir den Ring, und während die Leute den Toten in die vertiefte Grube betteten, betrachtete ich den durchfeilten Reifen. War es ein Zufall, war es, daß der Sergeant sich bewußt die dünnste Stelle ausgesucht – er hatte dort, wo die sehnsüchtig gegeneinander gestreckten Arme sich nicht fanden und ein Zwischenraum blieb, ihn durchschnitten. Nun konnten sie nimmermehr zueinander kommen. Wie hier die mechanische Gewalt des Instruments, so hatte der Tod sie getrennt. Während ich das Gold in der Hand hielt, kam mir der Gedanke, dem Regiment des Toten, das wir ja festgestellt, den Ring zu schicken und den Ort anzugeben, wo wir den Gefallenen gefunden, und wo er jetzt lag. Vielleicht hätte irgendein Kamerad etwas gewußt. Der Sergeant riß mich aus meinen Gedanken. Er meldete, die Arbeit sei beendet. Da wölbte sich der Hügel, höher als vorher, denn sie hatten vom Felde her Erde darauf geworfen. Ein paar Steine schleppten sie noch herbei, und der Sergeant preßte sie in die weiche Oberfläche des Grabes, während er brummte: »Na, nu wird er woll stille liegen!« Dann wurde das Kreuz wieder zu Häupten eingerammt, und in der Absicht, die Stelle noch sicherer kenntlich zu machen, zeichnete ich mit Bleistift einen Kreis auf das Holz, gleich einem Ring.

Inzwischen trat schon die Kompagnie an. So leise es geschehen sollte, hörten wir doch gedämpfte Stimmen, ab und zu das Öffnen und Schließen der Gewehrschlösser und das Rasseln eines Kochgeschirres, offenbar, wenn der Tornister übergenommen wurde. Ich verließ das Grab. Alles Grausen war gebannt. Mir war, als könne die Hand sich nicht wieder aufwühlend emporstrecken aus der Erde, um zu mahnen, denn der letzte Wunsch des toten Offiziers war nun erfüllt, oder sollte es werden. Lautlos marschierten wir an den Gräbern vorüber, dem Feldweg folgend, querfeldein, den gestern von mir festgestellten Richtungspunkten zu. Jetzt, beim Dämmern des anbrechenden jungen Morgens, sah man sie schon deutlich. Und angesichts des Lichtes waren alle gespenstisch grausigen Gedanken der Nacht bald wesenlos zerronnen. Erst als ich mich beim Herrn Obersten gemeldet hatte, fand ich Zeit, denn es wurde abgekocht, den Ring noch einmal zu betrachten. Wie ich die Gestalten darauf betrachtete, fiel mein Blick auf einen Buchstaben, irgendeinen Buchstaben, und ich entdeckte, daß im Innern des Reifs etwas stand. Bei der Dunkelheit der Nacht hatte ich nichts davon gesehen. Die Adresse war es nicht, nur ein Vorname und wenige Worte, die nichts verrieten und dennoch alles zu sagen schienen, was zwischen zwei Menschen gestanden, nun gelöst und frei geworden war durch den Tod: ›Marguerite. Jamais – hélas pour toujours!‹ Oder, wie es wohl gedacht ist von jener Unbekannten, Fernen, Armen: ›Auf ewig, ach von Dir getrennt!‹ Ja, nun auf ewig. Denn er war tot! Vielleicht war es besser so, da doch jene, die ihm offenbar den Ring geschenkt, schon damals solche Worte der Hoffnungslosigkeit darin hatte eingraben lassen, vielleicht besser, vielleicht …«

Mehr sprach er nicht. Des Ringes Verbleib, der Sehnsüchtigen Schicksal blieb im Dunkel. Man redete von der Hand. Der Oberst meinte lachend, der eschrige Eschborn habe geträumt, als sie nach den Anstrengungen des damaligen Gefechtstages eingenickt wären. Es half dem jungen Offizier auch nichts, daß er sich ein wenig erregt wehrte: alle die Herren, die doch atemlos gelauscht, schienen nun, wo sie dem Banne der Erzählung entschlüpft, zu meinen, der gute kleine Kamerad habe ihnen etwas aufgebunden, und es nützte ebensowenig, daß der Oberstabsarzt den Vorgang als durchaus möglich hinstellte, ja eine, wie er betonte, ganz einwandsfreie wissenschaftliche Erklärung gab: Gase, durch die Zersetzung des Körpers erzeugt, hätten den Körper aufgetrieben und veranlaßt, daß der unter den Leib gezwängte Arm frei geworden sei. Da er vorher durch die Totenstarre nach oben gebogen, sei er nun unter dem Druck der Gase in die alte Stellung emporgeschnellt und so wäre die Hand aus der Erde emporgewachsen. Die Herren, im langen Kriege gegen Grausen und Schrecken abgestumpft, begannen den jungen Kameraden fröhlich zu necken, als sei die ganze Geschichte nur ein Gebilde seiner nervösen Einbildungskraft. Da griff Leutnant Eschborn in die Tasche, zog etwas hervor und hielt es hoch, mitten in den Halbkreis der Tafelrunde hinein. Vom sterbenden Herdfeuer eben noch beglänzt, blitzte es wie einst über dem Ährenfeld und auf dem nächtlichen Grabe: der Ring. Bald ging er von Hand zu Hand, nun fast scheu betrachtet. An der Stelle, wo die sehnsüchtig gegeneinander gestreckten Hände sich nicht ganz trafen, klaffte der Einschnitt, durch die Feile gerissen.

Unwillkürlich fragte die Gräfin, dem Worte verleihend, was wohl alle dachten:

»Und Sie haben sie nicht gefunden?«

»Nein.«

Premierleutnant von Bugk wurde ganz aufgeregt:

»Gottes Donnerwetter, nee, was soll denn nu werden?«

Ehe Leutnant Eschborn antworten konnte, erdröhnte die Luft, die Wände zitterten, die Scheiben des Saales klirrten wieder leise, und unwillkürlich blickten sich die zehn Ritter der Tafelrunde, zu denen sich eine Dame gesellt, um. In der nun folgenden Stille sprach der Oberst:

»Na, nun wird wohl vom Neptun nichts mehr übrig sein.« Doch da er ruhig sitzen blieb, folgten auch die andern seinem Beispiel von Kaltblütigkeit, und niemand erhob sich.

Als der Ring zu dem jungen Offizier zurückkehrte, wurde wiederholt die Frage gestellt, aber Leutnant Eschborn konnte nichts anderes sagen, als daß er dem Regiment des Gefallenen geschrieben, doch bisher keine Antwort erhalten habe.

Oberstleutnant Runge schien sich damit nicht begnügen zu wollen. Er riet seinem jugendlichen Regimentskameraden, sich möglichst bald so oder so des Ringes zu entledigen, der nur Unglück bringen könne. Dabei machte er ein so ernstes Gesicht, daß der Oberst schon wieder auf des andern Aberglauben zu sticheln begann. Und nun, wo das Wort gefallen war, griff es der Oberstleutnant auf, gab allerdings einen gewissen Aberglauben zu, führte Beispiele an für das Bedenkliche, am frühen Morgen auf der Straße als erstem Menschen einem alten Weibe zu begegnen, an einem Freitag eine Reise anzutreten oder gar zu dreizehn bei Tisch zu sitzen. Unwillkürlich begannen die Herren zu zählen. Der Oberst rief:

»Gnädigste Gräfin Nr. l, Oberstleutnant, Herr von Seeben, Oberstabsarzt, Heydrich, Bugk, Krebs, Eschborn – 8. Doktor Donner, Zahlmeister, ich – 11, also keine Bange. Überhaupt die Geschichte mit der 13 ist ja ausgemachter Unsinn!«

Und er lachte gutmütig und dröhnend. Der Oberstleutnant aber verfocht seine Anschauungen, indem er behauptete, die Angst vor der fatalen Nummer sei derart verbreitet, daß die Hotels sie nicht einmal zu führen wagten. Dieser und jener wußte irgendein Beispiel, wie die Dreizehn Unglück gebracht. Ein paarmal setzte der Kriegskorrespondent, der bei den Herren Gastfreundschaft genoß, an, etwas Gegenteiliges zu erzählen, doch in dem Wirrwarr von Meinungen vermochte er nicht zu Worte zu kommen. Der immer bescheidene Mann, der durch Zurückhaltung und Takt bei den sonst gegen Journalisten ein wenig mißtrauischen Herren sich eine vorzügliche Stellung gemacht, schwieg. Oberst von Kranich hatte gemerkt, daß er offenbar gegen den Aberglauben der Dreizehn eine Lanze brechen wollte, und rief, die allgemeine Unterhaltung unterbrechend, kraft des Gewichtes seiner Stellung, wie unterstützt durch seine gewaltige Stimme:

»Meine Herren, der Doktor hat das Wort.«

Der Kriegskorrespondent drückte seinen Kneifer zurecht. Gewohnt, vermöge seines Berufes Wirkungen vorzubereiten, erhöhte er die Spannung durch Zaudern, räusperte sich, lächelte seine Zuhörer an, stand endlich sogar auf und stellte sich in die Mitte des flachen Halbrundes vor das Fenster. So tief war es niedergebrannt, daß es ihn nicht glühend anstrahlte, sondern nur seine kleine Gestalt als dunkeln Schatten erscheinen ließ.

Endlich war Stille eingetreten. Die Aufmerksamkeit schien genug gespannt, und er wollte eben beginnen, als ein Füsilier dem Kommandeur die Meldung überbrachte: Premierleutnant von … von …, er hatte den Namen nicht verstanden, vom Korpsstabe habe dem Herrn Obersten einen Befehl zu bringen. Der Kommandeur ließ bitten. Nun war für den Augenblick jedes Erzählen abgeschnitten. Es dauerte eine Weile, und da in die Stille des Wartens unausgesetzt das Dröhnen der gewaltigen Festungsgeschütze klang, zu immer ohrenbetäubenderem Donner anschwellend, flüsterten sich die Offiziere zu, es handle sich nun endlich um den großen Ausfall, den sie so lange schon erwarteten. Da öffnete sich die Tür, ein langer, schlanker Ulanenoffizier nahm Stellung, verbeugte sich, blickte sich um, dann ging er auf den Obersten zu. Der trat mit ihm in eine Fensternische. Beim Tosen der Kanonen draußen hätte ohnedies keiner ein Wort verstanden.

Nach ein paar Augenblicken kamen die Herren quer über das spiegelnde Parkett des Saales zum Kamin, und Oberst von Kranich stellte den Ordonnanzoffizier, den das Korpskommando geschickt, erst der Gräfin-Schwester, dann den Herren insgesamt vor. Man erwartete den Befehl zum Alarmieren des Regiments. Die Nacht war doch mal angebrochen, auch fühlten sich alle von der Spannung erlöst, müde des ewigen Lungerns und Lauerns, der falschen Alarme, der Unsicherheit dieses sozusagen Sitzens auf dem Pulverfaß. Endlich kam eine große Entscheidung.

Es schien dennoch nichts dergleichen zu sein, denn Oberst von Kranich gab dem Adjutanten einen Wink, etwas zu essen zu besorgen, vor allem einen kräftigen Schluck. Dann forderte er den Ordonnanzoffizier auf, den völlig steifgefrorenen Mantel abzulegen. Er brauche gewiß nicht sofort zur absendenden Stelle zurückzureiten, und ein Glas guten Stoffes würde ihm bei der Bärenkälte der Nacht gewiß keinen Schaden tun.

Der Ulan nahm die liebenswürdige Einladung gern an. Sein Pferd könne ein Stündchen Ruhe wohl brauchen, denn leider sei er damit auf der spiegelglatt gefrorenen Straße gefallen. Er habe nämlich einen Gefangenen gemacht. Das war nun etwas Alltägliches und würde bei der Tafelrunde weiter kein Aufsehen erregt haben, hätte der Premierleutnant nicht mit Stolz hinzugefügt:

»Es ist ein General, Herr Oberst!«

Er erzählte, wie ihm das geglückt. Um den Weg abzuschneiden, war er mit dem Wagemut der Jugend über die deutschen Linien hinausgeritten, hatte plötzlich Feuer bekommen und war Galopp querfeldein über den tiefen Schnee in ein Dickicht gejagt. Ein paar Schüsse der feindlichen Vorposten, ihm auf gut Glück nachgesandt, hatten nun nicht ihn, dagegen ein dort angebundenes Pferd mit französischer Offizierszäumung niedergestreckt. »Ich dachte, wie kommt denn der Gaul dahin? Da wird wohl der Reiter auch nicht weit sein, und wahrhaftig, ein Offizier, ein General, der im Schnee gekniet, sein Fernglas in der Hand, richtete sich auf. Bauz, bum, bum, hatte ich meine Schüsse weg. Sie saßen aber nicht, der Herr General hatte Löcher in die Luft gebohrt. Und nun lief er davon, was er Beine hatte. Ich auf der gefrorenen Chaussee ihm nach. Dabei bin ich hingeschmiert, Herr Oberst, war aber gleich wieder auf und habe ihn doch noch eingeholt. Zu Fuß. Plempe raus. Er ooch. Eins – zwei – eins – zwei. Dann habe ich ihm eins auf die Finger gekloppt, daß sein Schwert im großen Bogen fortflog. Überhaupt – fechten war's nicht, dazu war mir der Arm noch zu steif vom Hinfliegen auf der knüppelharten Straße. – Nee, 's war die reine Holzerei. Ich gehauen, er gestochen. Na, und wie er nun keinen Degen mehr hatte und keine Kugel mehr in der Knarre, habe ich Monsieur le général gefangen genommen. Mein erster Gefangener, Herr Oberst.«

Er sagte es stolz, und seine von Ritt und Kälte roten Wangen glühten. Der Oberst klopfte ihm lachend auf die Schulter:

»Vivant sequentes. Aber wollen Sie nicht mal Ihren Arm nachsehen lassen, Herr von Zerbitz? Der Herr Oberstabsarzt hat gewiß die Liebenswürdigkeit.«

Doch der Ordonnanzoffizier meinte, ihm fehle gar nichts, aber der Gefangene, der habe »was auf die Vorderhufe« gekriegt.

»Wo ist er denn?« fragte nun der Oberstabsarzt, der sich schon bereitwillig dem Ulanenoffizier genähert hatte. Premierleutnant von Zerbitz lachte:

»Herr Oberst, ich mußte doch den Befehl überbringen, da habe ich den Herrn General natürlich mitgebracht.«

Sofort bat der Kommandeur den Oberstabsarzt, nach dem Verwundeten zu sehen:

»Und bitte, wenn er verbunden ist und es sein Zustand gestattet, bringen Sie ihn nur her. Ein Schluck Rotspon wird ihn wieder auf den Damm bringen. Lieber Heydrich, sorgen Sie mal für was zu essen. Fett wird er in Paris nicht geworden sein.«

Der Oberstabsarzt ging. Die Tafelrunde nahm nicht wieder Platz. Auch des Doktors Erzählung schien für den Augenblick vergessen, denn bald mußte der gefangene General eintreten. So benutzte denn der Oberst die knappe Zeit, die man möglicherweise noch unter sich war, und rief:

»Meine Herren, ich habe Ihnen eine Mitteilung zu machen.« Das Gewirr der Stimmen schwieg. Es mußte wohl etwas Wichtiges sein, denn der Kommandeur schien ernster als sonst. Jeder meinte zu erraten, um was es sich handelte. Offenbar hing es mit der Ankunft des Ordonnanzoffiziers zusammen: jetzt kam die lang erwartete große Aktion: Sturm oder Ausfall, besonders angezeigt durch den gefangenen französischen General, der, beobachtend, sich so weit vorgewagt. Der Oberst begann noch einmal:

»Meine Herren, ich habe Ihnen eine Mitteilung zu machen. Für mich trauriger Art, denn ich liebe unser schönes Regiment, und ich kann sagen, ich bin stolz auf unser schönes Regiment! Morgen muß ich es verlassen. Eben ist der Befehl gekommen. Wie wir schon gestern hörten, ist Exzellenz von Reinsberg dem Lungenschuß, den er vor zwei Tagen erhielt, erlegen. Seine Majestät hat mich ausersehen, an die Stelle des nun aufrückenden Generalmajors Bronner zu treten. Herr Oberstleutnant Runge wird das Kommando des Regiments übernehmen. Meine Herren, es fällt mir sehr schwer, das Regiment zu verlassen. Ich werde morgen Gelegenheit nehmen, vom Offizierkorps und den Mannschaften Abschied zu nehmen. Heute abend aber bitte ich Sie, meine Herren von der Tafelrunde, und auch Sie, gnädigste Gräfin, und Sie, Herr von Seeben, darum, mir zum letzenmal noch ein wenig Gesellschaft zu leisten. Und ich denke, wir wollen nicht zu zeitig …« er wandte sich schmunzelnd zum Oberstleutnant:

»Lieber Runge, Sie haben ja nachmittags Ihre Ruhe gehabt.« Alle lächelten, auch der etatsmäßige Stabsoffizier selbst. Der Oberst fuhr fort:

»Also ich bitte, noch mit mir ein wenig zusammenzubleiben. Unser Doktorchen wird seine Geschichte erzählen. Der Herr Zahlmeister ist uns die seinige noch schuldig geblieben, und wenn der Oberstabsarzt wiederkehrt, muß auch er heran, denn wenn wir auch gegen den gefangenen Kameraden artig sein wollen, so wird es uns wie ihm gewiß lieber sein, er zieht sich bald zurück. Ehe er nun etwa erscheint, möchte ich Ihnen aber, meine Herren, sagen, wie ich weder Sie noch unser schönes Regiment jemals vergessen werde. Es gibt einen Kitt, der uns doppelt bindet. Nicht nur den, daß wir den gleichen Rock des Königs tragen, sondern daß wir in diesem Rock miteinander im Feuer gestanden haben. Unserm Regiment, unserm Rock wollen wir Ehre machen allezeit, und das geloben wir, indem ich Sie bitte, mit mir einzustimmen in den Ruf, mit dem wir nach echter, alter Soldatensitte jedes Zusammensein feiern. Meine Herren, erheben Sie mit mir das Glas: Seine Majestät, unser oberster Kriegsherr und allergnädigster König, lebe hoch! hoch und zum drittenmal hoch!«

Die Gläser klirrten aneinander, und jeder einzelne ging zum Obersten. Jedem sagte er ein passendes, freundliches Wort, jedem reichte er die Hand, und jeder einzelne auch fühlte das Bedürfnis, dem Kommandeur zu zeigen, wie gern man ihn gehabt. Alle Unbequemlichkeiten gerade der letzten Tage, das lange Aufbleiben an der Tafelrunde, über das mancher im stillen geflucht, schienen vergessen. Die jungen Offiziere warfen die letzten Holzscheite noch in die Glut, und man kehrte an die Tafel zurück, auf deren feinem weißem Gedeck die Kerzen in ihren Flaschenhälsen brannten.

Da erhob sich der Oberstleutnant: langsam, fein und zart, wie sein Wesen war, pflegte er auch zu sprechen. Den Fuß seines Glases mit den schlanken Fingern umspannt haltend, die Augen im Anfang auf das Tischtuch gesenkt, begann er:

»Meine Herren, gestatten Sie mir, im Namen von Ihnen allen zu reden. Der Herr Oberst hat uns eben mitgeteilt, daß er uns morgen leider verlassen werde. Geschieht es auch aus dem ehrenvollen Anlaß, eine Brigade zu übernehmen, so ist es dennoch traurig für uns. Wir haben in früheren Jahren unter des Herrn Obersten Befehl bei allen Besichtigungen vorzüglich abgeschnitten, haben im Manöver die besten Kritiken im Armeekorps gehabt. Während früher verhältnismäßig nur wenige von uns aus der Front kamen, wurde, sobald unser Herr Oberst an die Spitze des Regiments trat, eine wachsende Anzahl Kameraden zu Kommandos bestimmt. Jeder von uns weiß, wem wir das zu verdanken haben. Dann kam der Feldzug, und erst da hat sich gezeigt, was wir an unserm Kommandeur besitzen oder – heute muß ich ja sagen – besaßen. Seine überlegene Ruhe und Sicherheit hat sich, wie immer, wenn Truppen unter den Befehlen eines ganzen Mannes stehen, dem Regimente mitgeteilt. Viele der Herren haben mir begeistert gesagt, daß sie bei den fünf Schlachten und über ein Dutzend Gefechten, in denen unser Regiment die Ehre gehabt hat, ins Feuer zu kommen, stets mit unerschütterlicher Ruhe und Sicherheit vorgegangen sind. Meine Herren, am Biwakfeuer habe ich einmal zufällig einen Füsilier sich in seiner einfachen Weise so ausdrücken hören: ›Mit unserm Oberschten kann uns nischt passieren.‹ Wir Offiziere würden sagen: ›Unter unserm Herrn Obersten kann das Regiment nur eins: vorwärts und siegen!‹ Die Ehrentage, die unserm Regiment in den Monaten des Feldzuges Gott sei Dank beschert worden sind, darf sich unser Herr Oberst zum großen Teil als sein Verdienst anrechnen und wir mit ihm. So weiß ich, meine Herren, daß ich nur Ihrer aller Gedanken wiedergebe …«

Er blickte sich in der Tafelrunde um, als wolle er die einzelnen Köpfe zählen:

»… wenn ich sage, am liebsten möchten wir in stiller Trauer unser Glas leeren wegen des Verlustes, den wir erleiden. Aber, meine Herren, das ist nicht Soldatenart! So will ich lieber unsere Gefühle zusammenfassen, die von uns elf … bitte, Herr Oberstabsarzt, Sie kommen eben noch zurecht – lieber Heydrich, schnell noch ein Glas – also, meine Herren, von uns zwölf – unsere verehrten Gäste bitte ich Sie einzuschließen – nicht wahr, Frau Gräfin, Herr von Seeben und Herr von Zerbitz: – Unserm lieben, verehrten Herrn Oberst, den wir mit Schmerz scheiden sehen, danken wir und wünschen ihm Glück und Erfolg auf dem Felde der Ehre! Herr Oberst von Kranich lebe hoch!«

Die Herren waren aufgestanden, und durch den hohen Saal klang ein donnerndes Hoch! Ein zweites Mal hob der Oberstleutnant sein Glas:

»Hoch!«

»Hoch!«

Eben wollte er zum drittenmal die Stimme erheben, als ihm das Wort fast in der Kehle stecken blieb: »H … o … o … ch!«

Wie entgeistert blickte er zur Tür. Die Herren aber hatten fröhlich gerufen und ließen nun die Gläser aneinanderklirren. Der Kommandeur leerte seinen Kelch, dann reichte er dem Oberstleutnant die Hand. Der stand noch immer mit vollem Glase. Der Oberst rief:

»Na, Runge, trinken Sie doch aus! Sonst bringt mir's kein Glück, und Sie sind doch so abergläubisch.«

Er lachte fröhlich. Nun wandten sich alle Augen zum Oberstleutnant. Der aber sagte nur, und der Mund blieb ihm offenstehen, über dem man die kleinen, weißen, wenigen Härchen des Schnurrbärtchens sah:

»Wir sind – dreizehn!«

Man blickte sich erstaunt um. Unwillkürlich begannen die Herren zu zählen, bis sie dem Auge des Oberstleutnants folgten, der starr zur Tür sah. Dort stand ein französischer General, den rechten Arm in der Binde. Eben mußte er eingetreten sein. Lang, schlotterig, hager, hing die Uniform nur an ihm. Die Schultern waren etwas nach vorn gesunken, den kleinen Schädel mit einer Riesenglatze, an der kaum ein Haar saß, trug er gesenkt. Der bartlose Mund schien grimmig zu grinsen, und doch lag verbissener Ernst auf seinen Zügen.

Die Herren blieben stehen, das Glas noch in der Hand, und statt des Händedruckes, den der Kommandeur mit jedem der Tafelrunde getauscht hätte, ging er nun artig auf den gefangenen französischen General zu, ihn zu bitten, an dem Tisch der deutschen Kameraden Platz zu nehmen.

Der General verbeugte sich und machte mit der Linken, die er allein gebrauchen konnte, eine Gebärde, während er in seiner Muttersprache sagte:

»Herr Oberst, das Kriegsglück war gegen mich … ohne Pferd … mit der Hand, die ich nicht mehr brauchen konnte.«

Oberst von Kranich antwortete sehr liebenswürdig in seinem guten Französisch:

»Herr General, Ihre Truppen haben sich immer brav geschlagen, darf ich bitten, den Umständen Rechnung zu tragen. Ich bedaure Ihre Lage für Sie, aber seien Sie versichert, daß wir uns bemühen werden, Sie, Herr General, kameradschaftlich aufzunehmen.«

Nachdem er den Namen des Gefangenen erfahren, machte er die Tafelrunde mit dem Fremden bekannt. Beinahe, als ob er als Gast ins Kasino gekommen sei. Doch der General lehnte es eisig höflich ab, Platz zu nehmen. Er sehe, es würde eine Festlichkeit begangen, da wolle er nicht stören. Auch sei die Lage für ihn nicht derart, daß er sich im Kreise der Gegner niederlassen könne. Er wiederholte:

»Herr Oberst, das Kriegsglück hat gegen mich entschieden, ich bin Ihr Gefangener.«

Rundum standen die Herren, ärgerlich ein wenig, und Premierleutnant von Bugk flüsterte dem Adjutanten zu:

»Viel zu liebenswürdig gegen den Lümmel! Einsperren! Gottes Donnerwetter ja!«

Leutnant Eschborn aber sagte zu seinem Kameraden Krebs:

»Der Kerl sieht aus wie der leibhaftige Tod.«

Und der Oberstleutnant, der die Worte gehört, blickte die beiden jungen Offiziere an mit bedeutungsvollen großen Augen, während immerfort von den dröhnenden, zersplitternden gewaltigen Zuckerhüten die Scheiben klirrten.

Der Oberst war mit dem General abseits geblieben. Sie standen dicht an der Balkontür. Dem Franzosen schlotterte die Uniform auf dem Gebein. Eben zog ein breites Grinsen über den bartlosen Mund, der fast keine Lippen zu haben schien, während der Schein der Kerzen auf dem haarlosen, blank polierten Schädel spiegelte.

Oberst von Kranich wollte wohl, in fast übertriebener Artigkeit, die gesellschaftlich-kameradschaftliche Seite betonend – wie er nun einmal war – dem gefangenen Gast, dem Dreizehnten der Tafelrunde, den Blick zeigen über den Park auf Paris, von dessen Forts die Riesengranaten herüberkamen – kurz, er öffnete die Tür. Die Eisluft der Nacht strömte sofort bis in den Saal, und man sah draußen am nächtlichen Himmel leuchtend die Geschosse wie Sternschnuppenschwärme ihre Bahnen ziehen.

Der Oberst und der General verschwanden durch die offene Tür auf den Balkon. Eine Sekunde, da schmetterte es und krachte, als schlüge der Blitz ein. Die Balkontür, aus den Angeln gehoben, flog in den Saal. Glasscherben, Holzteile, Mauersplitter spritzten umher. Der große Spiegel über dem Kamin barst klirrrend in Stücke. Vom Kronleuchter rieselten regengleich die Glasprismen nieder. Der Luftdruck blies die Herren an, wie wenn in unmittelbarer Nähe eine Granate krepierend ihren Trichter wirft. Schwefelgeruch, Pulverdampf zog in Wolken durch den Saal.

Der Oberstleutnant war der erste, der zusprang. Die andern folgten, hinauszutreten auf den zerschossenen Balkon.

»Achtung! Zurück!« rief er. Er hatte recht. Vom Austritt, den sie beschritten hätten, war kaum mehr etwas zu erblicken, nur ein paar Steinplatten hingen noch frei hinaus. In der Ecke, dicht an die Hauswand geworfen, lag eine unförmliche Masse, allein an der Uniform konnte man noch erkennen, daß sie vor Sekunden erst Oberst von Kranich gewesen. Der französische General war verschwunden, als habe ihn die Erde verschluckt. Seine Leiche mochte in den Park hinuntergestürzt sein.

Die Johanniterschwester Gräfin Viktoria Vellin fragte, während Rauch über die Köpfe zog:

»Um Himmels willen, was war das?«

»Eine Granate vom Mont Saint-Valérien« sagte irgend jemand. Die tapfere Frau, die so stolz von des eigenen Mannes Tod fürs Vaterland erzählt, sprach nun, wo sie das erstemal den Krieg in unmittelbarer Nähe erblickte, entsetzt vor sich hin:

»Es muß ja sein, und der endliche Sieg wird unser werden, aber … es ist furchtbar.«

Die Offiziere hatten nicht Zeit gehabt, darüber nachzudenken: Alarm tönte von Quartier zu Quartier, von Ort zu Ort! Endlich: der lang erwartete große Ausfall.

Die Leiche des Obersten zu bergen, war keine Zeit. Erst als das Regiment wiederkehrte, nachdem man die Belagerten in das hungernde Paris zurückgetrieben, bestattete man die Reste.

Vom französischen General aber, dem Dreizehnten, fand man nie eine Spur, und hätte der Ordonnanzoffizier ihn nicht gefangen genommen, die Tafelrunde ihn nicht erblickt, der Oberstabsarzt ihn nicht verbunden, man hätte meinen müssen, er sei nichts gewesen als ein Gebilde nächtlich überwachter, nervös gereizter Phantasie.